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Achtung Fanartikel: Campino, die Jungs, der Punk

Die Toten Hosen sind am Sonntag in der VW-Halle. Wer einmal bei ihrem Konzert war, weiß: fette Party ist sicher. Die NB sprach mit Campino.

Große Auftritte: Die Konzerte der Toten Hosen sind legendär. Foto: Bastian Bochinski dth

Von Ingeborg Obi-Preuß, 17.05.2018.

Braunschweig. „Hi, hier ist Campino“ – wow, meine Musiklegende ruft an. Ich „kenne“ Campino seit immer, ich schwärme für ihn seit ewig, sein Name war Kennwort für mein Sparbuch (als es so etwas noch gab), und nun ist er am Telefon – Vorabgespräch zum Toten-Hosen-Konzert am kommenden Sonntag in der VW-Halle.

Ich habe mich so gut es geht vorbereitet, aber was sind schlaue Fragen? Solche, die nicht schon zigmal gestellt wurden? Immerhin ist die aktuelle CD „Laune der Natur“ seit gut einem Jahr auf dem Markt, die erste Tourrunde ist gedreht, und in jedem Ort, in dem die Toten Hosen gastierten, wurde ein Interview geführt. Also, was gibt es da noch zu fragen?

Aber es ist leichter als gedacht, denn der 53-jährige Andreas Frege (so sein Geburtsname) kommt unkompliziert rüber – und sehr nett.
Eine gerade beendete 14-tägige Tour durch China hat ihn offensichtlich schwer beeindruckt. „Ich war das erste Mal dort und bin überwältigt.“ Peking, Hongkong, zwei Konzerte in einer komplett anderen Kultur. „Das ist der Vorteil des Internets“, erzählt Campino, „auch in China kann man uns hören, die gemeinsame Ebene der Musik verbindet die Welt.“

Hier in Deutschland verbindet die Toten-Hosen-Musik vor allem die Generationen. „Ein schönes Gefühl für uns zu erleben, dass Eltern mit ihren Kindern vor der Bühne stehen“, freut sich der Frontsänger. „In meiner Kindheit und Jugend waren die Generationen getrennt, die Eltern durch den Krieg geprägt und man hatte überhaupt kein Verständnis füreinander.“ Nestwärme gab es dennoch, Campino hat fünf Geschwister. „Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, das prägt.“ Die Kontakte sind bis heute eng und herzlich, Familie bedeutet dem Sänger viel. Er hat einen vierzehnjährigen Sohn, der hauptsächlich bei der Mutter lebt.

Mit seiner impulsiven Art hat sich Campino durchaus auch blutige Nasen geholt, inzwischen achtet er stärker auf das, was er wem sagt. „In Zeiten, in denen Social Media eine solch große Rolle spielt, werden Fehler nicht verziehen“, sagt er, auch Fehltritte sind im Netz so gut wie verewigt.

Dennoch hält er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Er ist die „Öffentliche Seite“ der Band, übernimmt die Auftritte auf dem Roten Teppich, vor den Mikrofonen, geht in die Talkshows. Eine Zeit lang fühlte er sich in der Schicki-Micki-Welt gebauchpinselt, aber inzwischen habe er gemerkt, dass er da nicht wirklich hingehört. „Ich wünschte mir manchmal etwas weniger Tamtam um mich, aber ich nehme es in Kauf, weil ich die Musik liebe“, erklärt er.

Der Erfolg der Band kam langsam, das Geld auch. „Bis in die späten 80er Jahre haben wir mehr Geld in die Gruppenkasse eingezahlt, statt rausgenommen, jeder musste selber zusehen, wie er klarkommt“, blickt Campino zurück. Mit 18 raus von zu Hause, ein paar Monate Bundeswehr, Zivildienst – und immer Musik. „Ich habe mich mit Plakatieren oder als Roadie durchgeschlagen“, erzählt er, „aber ich war zu stolz, um zu Hause um Geld zu bitten.“

Regelmäßig kam der Vater vorbei, um bei einer Tasse Tee behutsam nachzubohren, wann denn ein Studium begonnen wird? „Er hat sich Sorgen um meine Zukunft gemacht“, sieht Campino heute klar.
„Aber schon bei einem Praktikum im Blumenladen wurde mir attestiert, dass ich zu lahmarschig bin“, lacht er, die bürgerliche Karriere war ganz offensichtlich nicht sein Weg.

Seine Heimat ist der Punk. „Diese Explosion hat mein Leben verändert und meinen Weg bestimmt“, erzählt er, „auf meinen Erinnerungen der Anfangstage liegt vielleicht ein bisschen Staub, aber wenn ich durch Gespräche angetriggert werde, ist alles sofort wieder da.“ Punk, erzählt er, ist eine Haltung, die über bestimmte Werte und eine Ideologie definiert ist, fast überall auf der Welt; und „mein Lebenselixier“, sagt er dazu.
Gerade hatten die Toten Hosen wieder Privatkonzerte verlost, und dabei eine lebendige Punkszene erlebt, „wir haben wilde Cliquen getroffen, die klar zeigen: Punk lebt. Ich hoffe, dass junge Leute nachrücken. Wenn ich Bands wie Feine Sahne Fischfilet höre, bin ich absolut zuversichtlich.“

Manche Kritiker werfen den neueren Hosen-Texten Schlagernähe vor, sie seien weniger politisch, weniger kritisch. Ist das so? „Wir wollen eine Bandbreite bieten, doch jede Platte ist auch eine Art Tagebuch“, erzählt Campino. In den vergangenen Jahren hat die Band ihren Manager und auch ihren ehemaligen Schlagzeuger Wölli verloren. „Die Texte haben immer mit unserem Leben zu tun. Außerdem haben wir uns weiter entwickelt, sehen inzwischen vieles mit anderen Augen. Früher haben wir die Dinge einfach rausgehauen, ohne groß darüber nachzudenken, wir waren jung. Diese Sorglosigkeit habe ich heute nicht mehr. Trotzdem sind wir immer wieder bereit, gewisse Feuer auszuhalten. Wir gehen nicht gleich aus der Küche, wenn es brennt.“
Die Kritik an Hass-Rapper Farid Bang und Kollegah noch während der Echo-Gala ist da nur ein Beispiel von vielen. Dass der Antisemitismusbeauftragte des Bundes ihn deswegen für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hat, ist an Campino so gut wie spurlos vorbeigegangen. In der VW-Halle soll es am Sonntagabend auf jeden Fall eine fette Party geben. „Laune der Natur“, „Wannsee“ oder „Hier kommt Alex“ sind gesetzt, dazu Stücke aus der „Learning English Lesson 2“-Scheibe. Eine Hommage – wie schon vor dreißig Jahren bei Lesson 1 – an die Großen der englischen Punkszene. Stiff Little Fingers, Dead Boys oder The Boomtown Rats lassen grüßen.

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