Bewährtes Produkt, neue Ideen

Unsere Unternehmen: 125 Jahre Unternehmensgruppe Richard Borek: „Digitalisierung ist der Schlüssel für die Zukunft“

„Kreativ sein kann ich auch mit Anzug und Krawatte“, sagt Richard Borek IV., aber Sweatshirt und Turnschuhe seien auch in Ordnung. Gerade hat das dritte Start-up-Camp begonnen – eine Kooperation mit dem Lehrstuhl für Entrepreneurship der Technischen Universität Braunschweig und der Ostfalia Hochschule. Das Firmengebäude an der Theodor-Heuss-Straße hat Richard Borek IV. als Coworking Space für Unternehmensgründer geöffnet. Drei Monate werden sie hier begleitet und gefördert.

Braunschweig. Richard Borek jun., der vierte in der Folge des seit 125 Jahren familiengeführten Briefmarken- und Münzenhandelshauses, hat die Digitalisierung zu seiner Sache gemacht. Ob aus Neigung sei dahingestellt, in jedem Fall aus Überzeugung und Notwendigkeit.

„Digitalisierung ist der Schlüssel für die Zukunft“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Borek-Unternehmensgruppe. Nachdem zuletzt sein Vater das Tor zur Welt aufgestoßen und das Handelsunternehmen zur weltweiten Marktführerschaft gebracht hat, ist es nun an seinem Sohn, Erreichtes zu bewahren und auszubauen. „Als altes Unternehmen jung zu bleiben“, so formuliert Borek jun. die Herausforderung. Das Unternehmen öffnet sich dieser Aufgabe, indem die jungen Leute, die es dafür braucht, ins Haus geholt werden. Gerade hat wieder ein Start-up-Camp begonnen. „Wir haben einen hohen Bedarf an IT-lern“, sagt Richard Borek jun. „Und wir müssen noch viel mehr zum Softwareunternehmen werden.“ Der eingerichtete Coworking Space im modernen Geschäftshaus an der Theodor-Heuss-Straße eröffnet die Möglichkeit, junge Unternehmer in der Phase nach der Gründung zu begleiten, umgekehrt aber auch von ihrem Wissen zu profitieren, Kontakte zu knüpfen und neue Projekte anzustoßen.

Braunschweigs mittelständische Unternehmen hätten den ungeheuren Vorteil, eine technische Universität in der Nähe zu haben, doch bislang sei es nicht gelungen, diesen Vorteil anzuzapfen. Das wollte Borek ändern. Denn das Thema Mitarbeiter werde immer drängender: „Was nützen die tollsten Projekte und Ideen, wenn die Menschen fehlen?“ Borek wirbt leidenschaftlich dafür, schon in den Schulen alle auf den Weg mitzunehmen und keinen unterwegs zu verlieren. Anders als in den 1970er-Jahren, als die Unternehmen sich die Besten heraussuchen konnten, komme es nun auf jeden an. In jedem Fall kann Werbung für den Standort Braunschweig nicht schaden, ganz im Gegenteil: „Mir geht es darum, dass die Stadt Braunschweig auch in Berlin oder Hamburg als Marke wahrgenommen wird.“ Eine Marke, die zieht und junge Gründer sowie IT-Experten hält.

Die Bandbreite dessen, was Menschen sich unter Digitalisierung vorstellen, reicht vom Breitbandausbau über die Smartphonenutzung bis zum autonomen Fahren. Digitalisierung ist all das und viel mehr. Borek ist überzeugt, dass sie wie das Licht oder die Automatisierung das Leben der Menschheit verändern wird. Zeitlich sei gerade eine Schnittstelle erreicht.

Jede Generation verwirklichte bahnbrechende Neuerungen: Richard Borek II. warb mit Katalogen für die Briefmarken, Richard Borek III. führte moderne Managementmethoden ein. Das Bild zeigt beide im Jahr 1967 bei einem Mitarbeiter an der Setzmaschine. Fotos: Unternehmensgruppe Richard Borek

Die digitalisierte Welt ist vor allem rasanter als die analoge Welt. „Die Zyklen sind unheimlich schnell geworden“, sagt Richard Borek jun. Da ist es gut, die Nerven zu behalten und sich nicht drängen zu lassen. „Jeden Tag eine neue Idee zu haben, ist nicht sinnvoll“, meint er und ist froh, dass es keine Notwendigkeit gäbe, in Hetze zu reagieren. Trotzdem – Zeit verlieren will er nicht. So werden neue digitale Produkte und Vertriebswege erprobt. Letztendlich geht es darum, den Sammler (er ist in der Regel männlich und im Schnitt 45 Jahre alt) immer wieder aufs Neue zu begeistern.
Wo das Unternehmen und seine Produkte in zehn oder 20 Jahren stehen werden, sei dennoch schwierig vorauszusagen. „Wünschen kann ich mir viel“, sagt Borek jun. Aber insgesamt ist er optimistisch, was Produkte und Standort angeht: „Die Menschen hängen sich ja auch noch Bilder an die Wand.“ Und im Bereich der Münzen hätten die Edelmetalle einen bleibenden Wert. „Es geht am Ende also nicht um das Produkt, sondern um den Kunden“, verdeutlicht der Firmenchef seinen Ansatz. Die Digitalisierung ist in seinen Augen das Werkzeug, um Prozesse beispielsweise im Rechnungswesen zu automatisieren, das Kaufverhalten der Kunden zu analysieren und durch personalisierte Angebote vorhandene Daten besser zu nutzen. Im Vergleich zu Branchenriesen wie Amazon habe ein mittelständisches Unternehmen geringere Ressourcen, umso wichtiger sei deren gezielter Einsatz. Das Ausprobieren, Analysieren und Anpassen ist tägliche Aufgabe. Statt einsame Entscheidungen zu treffen, hält Borek viel vom Sachverstand und der Einschätzung seiner Vorstandskollegen. Vom „ihr“ zum „wir“ kommen, nennt er das, wenn über den Schreibtischrand und persönliche Eitelkeiten hinweg gedacht wird.

Bei aller Begeisterung fürs Digitale, ganz ist das Papier noch nicht aus Boreks Büro verschwunden, dafür sorgen allein die Akten, die sein Vater ihm auf den Schreibtisch schickt. Eine 125-jährige Firmengeschichte, die Aufbauleistung vom Urgroßvater über den Großvater und Vater bis heute, ist ein großes Erbe. Mit „Borek.digital“ hat er das Dach geschaffen, unter dem alle digitalen Aktivitäten, unternehmerische ebenso wie fördernde zusammengefasst wurden. Der Kurs ist klar – es geht mit Zuversicht und Tatkraft in Richtung Zukunft, ins digitale Zeitalter. „Dieses Buch ist schon ein bisschen älter, aber das müssen Sie unbedingt lesen“, sagt Richard Borek IV. zum Abschied: „Silicon Valley“ von Christoph Keese. Untertitel: „Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“.

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