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„Dass es mal laut wird, ist ganz normal“

Eine Leserin berichtet von Problemen in einer Flüchtlingsunterkunft – Die Stadt beruhigt.

Ende vergangenen Jahres legte die Stadt die Einrichtungen für unbegleitete, minderjährigen Flüchtlinge zusammen. Alle kamen im Pippelweg unter – ein Wechsel, der zu einigen Problemen führte. Foto: Nizar Fahem

Von Birgit Wiefel, 31.01.2018.

Braunschweig. „Irgendwann hatte ich einfach Angst, alleine auf dem Flur zu sein.“ Vor Kurzem erreichte die NB der Anruf von Leserin Claudia Wagner (Name von der Redaktion geändert). Seit Beginn der Flüchtlingskrise engagierte sich Wagner ehrenamtlich als Sprachpatin. Wollte einfach helfen, mitanpacken – vor allem bei der Integration der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Vor einem Monat gab sie auf – enttäuscht und frustriert

.

„Ich hatte das Gefühl, dass die Situation in der Unterbringung aus dem Ruder lief“, sagt sie.

Probleme nach Umzug

Was war passiert? Ende 2017 hatte die Stadt zwei ihrer Standorte für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zusammengelegt: Die Einrichtung in der Neuen Knochenhauer Straße war aufgegeben worden. Die dortigen Bewohner zogen in ein saniertes Gebäude im Pippelweg, in dem bereits seit Mitte 2016 andere Jugendliche untergebracht waren. „Letztlich gab es viel zu wenig Betreuer für die Flüchtlinge“, sagt Wagner, „was dazu führte, dass die machten, was sie wollten, ja zum Teil aggressiv wurden.“

Wir fragen bei der Stadt nach. Ja, bestätigt diese über ihren Pressesprecher Adrian Foitzik, mit dem Umzug Ende vergangenen Jahres hätte es „schwierige Momente“ gegeben. „Das lag auch daran, dass sich die Jugendlichen an neue Betreuerinnen und Betreuer ebenso wie an neue Mitbewohner gewöhnen mussten“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme. Die Situation sei allerdings von den Mitarbeitern aufgefangen worden.

Zu wenig Personal

Ortstermin im Pippelweg. Martin Albinus, Fachbereichsleiter Kinder, Jugend und Familie, und Martina Liehr, Leiterin der Einrichtung, stehen bereitwillig Rede und Antwort. 24 junge Menschen leben derzeit im Wohnheim. Es ist Mittagszeit, in den Wohngruppen wird gekocht. „Komm, Schnucki, putz!“ klebt an einem Kühlschrank. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Unterbringung in nichts von einer ganz normalen Studenten-WG. Mit einem Unterschied: Im Pippelweg gibt es rund um die Uhr Sozialpädagogen als Ansprechpartner, nachts müssen mindestens zwei von ihnen vor Ort sein.

„Wer als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Braunschweig kommt – und sei es mitten in der Nacht – wird zu uns geschickt“, erläutert Liehr. Der Pippelweg ist eine Einrichtung der Inobhutnahme, wie es im Fachjargon heißt. Das bedeutet, es gibt einen 365-Tage-Bereitschaftsdienst. Und genau daran hakte es im vergangenen Jahr. „Unsere Personaldecke war einfach zu dünn, auf dem Markt haben wir so schnell kein geeignetes Personal gefunden“, erinnert Martin Albinus an die riesigen Herausforderungen, die auf die Kommunen durch die vielen Asylsuchenden zukamen. Im vergangenen Dezember sei dann Wachpersonal mit eingesetzt worden – „allerdings nicht, um die Mitarbeiter vor aggressiven Jugendlichen zu schützen, sondern um die Betreuungsstärke zu gewährleisten und ein Auge auf das Gebäude und das Gelände darum herum zu haben“, betont Albinus.

„Normale Reaktion“

Die Ängste der Leserin also nur eine übertriebene Reaktion? Martina Liehr will das so nicht sagen. „Beim Zusammenlegen der Gruppen gab es Spannungen – ohne Zweifel. Zum Teil waren es persönliche Animositäten, zum Teil vertrugen sich verschiedene Nationalitäten nicht.“ Außerdem seien die rund 50 Jugendlichen im Pippelweg alles junge Männer. „Da wird es auch mal laut, da wird gerauft und unsere Autorität angetestet“, ordnet Liehr ein. „Bedrohlich“ findet die Diplompädagogin das allerdings nicht. „Ein solches Verhalten legen auch deutsche Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe an den Tag – und die haben nicht noch zusätzlich das Trauma einer Flucht erlitten“, betont sie. Inzwischen sei im Pippelweg wieder Ruhe eingekehrt.
„Paten gut vorbereitet“

Bleibt die Frage, ob die Ehrenamtlichen vielleicht nicht besser auf die Situation vor Ort vorbereitet werden sollten. „Das werden sie“, betont Dr. Blaise Feret Pokos vom Fachbereich Kinder, Jugend und Familie. „Wir erklären in Vorträgen die Situation und die Rolle der Sprachpaten. “ Er schätzt persönlich auch die Emotionalität der Ehrenamtlichen, die sich mit Herzblut in der Flüchtlingshilfe engagierten. „Doch genau das kann vielleicht am Ende auch mal zu Enttäuschungen führen: Die Jugendlichen haben Traumata erlebt, kommen aus einem anderen Kulturkreis und müssen sich nach den langen Monaten der Flucht wieder an Regeln gewöhnen – das macht die Arbeit mit ihnen nicht einfach.“

Fakten

• In Braunschweig leben aktuell 146 junge geflüchtete Menschen (unbegleitete Minderjährige und mittlerweile Volljährige),

• untergebracht in Gastfamilien, bei freien Trägern und im Jugendhilfehaus der Stadt am Pippelweg (Westliches Ringgebiet),

• die Integration erfolgt über Sprachlernklassen an allgemeinen und berufsbildenden Schulen, Betriebspraktika und einer beruflichen Ausbildung.

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