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Dem verehrten Lessing schrieb sie viele Briefe

Carina Engelhardt, ihr Lebenspartner Jürgen Grothe (links) und Dorfarchivar Dr. Reinhardt Lüer auf Spurensuche. Foto: Werner Gantz



Wer war Ernestine Christine Reiske? Geschichtliche Spurensuche führte nach Bornum am Elm.

Von Werner Gantz, 30.12.2017.

Bornum. Ein Name verbindet das kleine Dorf Bornum am Elm mit der Stadt Kemberg im Kreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Ernestine Christine Reiske heißt die imposante Frau, die den Ort nun in den geschichtlichen Fokus Kembergs rückte und zum Ausgangspunkt einer Spurensuche machte.

Ernestine Christine Reiske wurde 1735 als letztes der zehn Kinder des dortigen Kirchenpropstes namens Müller geboren. Aber wer war diese Frau?
Ihr ereignisreicher Lebenslauf brachte der Stadt Kemberg die Ehre zu, 50. Frauenort des benachbarten Bundeslandes zu werden, und die dortige Ganztagsschule wählte sie zur Namenspatronin. Der 220. Todestag der damaligen Persönlichkeit soll im September 2018 in Kemberg in Zusammenhang mit einer Ausstellung begangen werden. Die Pädagogin an der Reiske-Schule, Carina Engelhardt, kam daher schon jetzt nach Bornum, um Material zu sammeln.

Das in Bornum 1780 vom Braunschweiger Herzog zu günstigen Bedingungen gepachtete landwirtschaftliche Anwesen verschaffte der Gutsherrin den zehnjährigen Wohnsitz von 1781 bis 1791 hier am Elm. Es folgten drei Jahre in Wolfenbüttel. Danach kam Ernestine Christine Reiske nach Kemberg zurück und verstarb dort an einem Schlaganfall 1798.
Die wesentlichen Gebäudeteile des Gutes wurden schon 1808 von ihrem Ehemann, dem Universalerben Christoph Moritz von Egidy, aufgegeben und verfielen. Die Reste der Gebäude wurden dann 1835 abgetragen. Die Kalksandsteine sind für den Bau eines zweistöckigen Hauses in Königslutter an der Westernstraße verwendet worden. Nur das Küchenhaus blieb erhalten und wird von der Gemeinde als Wohnhaus für einige Familien genutzt.

Die verwitwete Reiske ist wesentlich in der Briefschreiber-Kultur des 18. Jahrhunderts tätig gewesen. Durch den Verkauf der Bücher ihres Ehemannes entstanden die Kontakte zu dem in Wolfenbüttel tätigen Bibliothekar Gotthold Ephraim Lessing. An ihn in Vielzahl gerichtete Briefe lassen sie als heimliche Freundin oder zumindest Verehrerin zu. Lessing heiratete jedoch in Hamburg Eva König. Die erhaltenen Briefe sind in dem Buch „Gelehrsamkeit und Leidenschaft“ von Professorin Anke Bennholt- Thomsen aus Berlin aufgearbeitet. Auch sie war schon 1990 in Bornum auf Spurensuche.

So nun auch die Lehrerin für Kunst- und Deutschunterricht Carina Engelhardt, die sich mit der Lebensgeschichte der Ernestine Christine Reiske bereits im Unterricht beschäftigt hatte und nach Zeichnungsvorlagen den Kopf der Ernestine formte und in Marmorstein gießen ließ. Der Bornumer Dorf-Archivar Dr. Reinhardt Lüer gab Einblicke im Archiv „Lindenstube“ und Erläuterungen beim Dorfrundgang. Der Besuch mit ihrem Lebenspartner Jürgen Grothe war erfolgreich.

Auf dem Grundstück des ehemaligen Gutes am Ostrand von Bornum wird aktuell ein Neubaugebiet für 24 Wohneinheiten mit der Bezeichnung „Neuer Garten“ erschlossen. Auf der vier Hektar großen Fläche gab es gärtnerische Anlagen, auch mit einer Nussbaumallee. Der Geschichtsverein verfolgt die Erdarbeiten interessiert, vielleicht werden noch alte Grundmauern der Gutsanlage freigelegt.

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