„Einmal Hammer sein, nicht Amboss“

400 Besucher kamen zur DGB-Kundgebung mit Oberbürgermeister Ulrich Markurth und Verdi-Chef Frank Bsriske auf den Burgplatz.

Frank Bsirske, Vorsitzender der Gewerkschaft Verdi, prangerte in seiner Rede zum Tag der Arbeit die modernen Arbeitsverhältnisse an. Fotos: Nizar Fahem

Von Birgit Wiefel, 02.05.2018.

Braunschweig. „Stürmische Zeiten“ sah Oberbürgermeister Ulrich Markurth voraus – und meinte damit nicht nur die kalten Böen, die über den Burgplatz fegten.

Am gestrigen 1. Mai hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund zu seiner traditionellen Kundgebung am Dom geladen. Rund 400 Zuhörer waren gekommen – viele davon mit Bannern und Plakaten auf denen unter anderem bessere Verträge für Pädagogen und eine gerechtere Bezahlung für das Pflegepersonal gefordert wurden. „Wenn wir es nicht schaffen, Männer und Frauen für die Arbeit in Krankenhäusern, Kitas, bei der Polizei oder der Feuerwehr zu gewinnen, können wir uns noch so weltoffen nennen – es hilft nichts“, betonte Markurth, verschwieg allerdings auch nicht, die Kosten, die auf die Kommunen zukommen. „Der jüngste Tarifabschluss im öffentlichen Dienst kostet die Stadt zwei Millionen Euro zusätzlich“, rechnete Markurth. Verdi-Chef Frank Bsirkse, der als Gastredner eingeladen worden war, griff vor allem Unternehmen wie Amazon an.

Den grauen Pullover unter dem Jackett hat er vorsichtshalber hochgeschlagen. Als Frank Bsirske auf die DGB-Bühne am Dom steigt, schieben sich dunkle Wolken vor die Sonne, und der Wind legt noch einmal zwei Stärken zu.
Es passt zum Ton des Verdi-Chefs, der trotz des gerade beigelegten Arbeitskampfes im öffentlichen Dienst keinen Kuschelkurs fährt. Was ihn vor allem umtreibt, ist die zunehmende Tarifflucht der Unternehmen und deren Personalpolitik. „Wenn Löhne allein nach dem Gesetz des Unternehmers gezahlt werden, ist das eine Rückkehr ins 19. Jahrhundert“, schimpft Bsirske unter dem Beifall der Zuhörer. Zudem seien Mitarbeiter von Unternehmen wie Amazon diesen schutzlos ausgeliefert. „Scanner, die jeden Schritt an den Vorgesetzten melden, Inaktivitätskontrolle, befristete Arbeitsverträge – ist das die Kultur, die uns vorgegeben und auch noch prämiert wird?“, fragt Bsirske mit Blick auf den kürzlich vergebenen Axel-Springer-Award an Amazon-Gründer Jeff Bezos. Und gibt die Antwort selbst: „Nein. Wir werden mit Kollegen aus anderen europäischen Ländern kämpfen, damit wir nicht immer nur Amboss sind, sondern auch Hammer.“

Sorge vor Abschottung

Nicht nur die klassischen Themen der Arbeiterbewegung standen bei der Kundgebung am Dienstag auf der Tagesordnung. Oussama Ben Romdhane und Judy Fabregez von der Gewerkschaftsjugend beobachten mit Sorge die neuen nationalistischen Tendenzen in Europa. „Da braut sich etwas zusammen“, so Rohmdhane, der einen Grund dafür auch im Neoliberalismus sieht. „Er schafft einen Konkurrenzdruck und damit auch die Ablehnung von allem, was fremd ist.“ Dass es auch anders gehen kann, bewiesen die Gewerkschaften direkt im Anschluss an die Kundgebung. Ganz unter dem diesjährigen Motto „Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit“ zogen die Demonstranten in einem langen Marsch in den Bürgerpark, wo ein internationales Fest stattfand – auch das mittlerweile eine gute Tradition. Seit 20 Jahren feiern Gewerkschaften, Sozialverbände und internationale Vereine den 1. Mai gemeinsam. Mehrere Tausend Besucher nutzten die Gelegenheit, bei Musik und kulinarischen Spezialitäten ins Gespräch zu kommen.

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