„Für das Web sind Frauen rosa“

Die Braunschweiger Gleichstellungsbeauftragte Marion Lenz über den Frauentag und Klischees im Netz.

Marion Lenz ist die neue Frauenbeauftragte der Stadt. Foto: Scheibe. Foto: Jörg Scheibe

Von Birgit Wiefel, 07.03.2018.

Seit vier Monaten ist sie im Amt. Marion Lenz ist die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt und setzte Anfang des Jahres gleich ein Zeichen: Sie führte den Frauenpolitischen Neujahrsempfang ein. Flagge zeigen – das ist ihr wichtig, denn in ihren Augen sind wir von der Gleichberechtigung im Alltag noch weit entfernt.

?Frau Lenz, kurz vor dem Frauentag forderte die Gleichstellungsbeauftragte des Bundes, Kristin Rose-Möhring, das die Nationalhymne überarbeitet werden müsse: Alle männliche Begriffe raus, neutrale Begriffe rein. Die Reaktion war eher Spott als Zustimmung. Mal Hand aufs Herz: Spielen der Frauentag, die Emanzipationsbewegung überhaupt noch eine Rolle?

!In meinen Augen sehr wohl. Der Frauentag macht sichtbar, wie viel Ungleichheit es in unserer Gesellschaft noch gibt. Frauen erhalten immer noch nicht den gleichen Lohn. Sie müssen sich neben dem Job auch noch um die Familie kümmern – rund eineinhalb Stunden am Tag, die Männer nicht aufwenden müssen, weil man(n) es als Zumutung empfindet.
Sie sind Gewalt in der Familie ausgesetzt, sind Opfer von männlicher Macht, wie die „Me-Too-Debatte“ zeigt. Der Spott, der über Kristin Rose-Möhring ausgeschüttet wurde, passt übrigens gut zu unserem Motto „100 Jahre Frauenwahlrecht“ – auch die Frauenrechtlerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts mussten viel Häme einstecken.

?Sie fordern mehr politische Beteiligung, kritisieren, dass Frauen immer noch unterrepräsentiert sind, dabei haben wir doch inzwischen weibliche Spitzenpolitikerinnen …

!Natürlich. Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer, Malu Dreyer – das sind alles wichtige Vorbilder. Trotzdem finde ich es bedenklich, dass im aktuellen Landtag und Bundestag wieder weniger Frauen sitzen.
Im Rat der Stadt sind lediglich 37 Prozent Frauen – das reicht nicht. Wer in der Politik mitbestimmt, bestimmt auch die Gesellschaft.

?Was können Sie als Gleichstellungsbeauftragte beeinflussen?

!Ich habe ein Mitspracherecht bei allen Entscheidungen, die die Stadt treffen.

? Was bedeutet das konkret?

!Intern setzte ich mich zum Beispiel dafür ein, dass mehr Frauen in gehobene Positionen der Stadtverwaltung kommen.
Auch das Thema „Häusliche Gewalt“ gehört zu meinem Aufgabengebiet. 2017, dem Jahr in dem Deutschland die Istanbuler Konvention unterschriebt, die Frauen vor häuslicher Gewalt schützen soll, wurden
130 Frauen an der Tür des Braunschweiger Frauenhauses abgewiesen, weil kein Platz für sie vorhanden war. Das zeigt, wie drängend das Thema ist.
Ein drittes Thema ist die Digitalisierung: Algorithmen können ganz leicht alte Rollenbilder festigen, denn sie bestimmen, was uns beim Surfen im Internet vorgeschlagen wird. Für das Web sind Frauen kurz gesagt immer noch rosa und Männer hellblau …

Programm (Auszug):

8. März, 18 Uhr: Empfang zum Internationalen Frauentag 2018, Großer Sitzungssaal des Rathauses;
9. März 2018, 18 Uhr: „Ja heißt Ja!“ – Frauengottesdienst, Petri-Kirche;
10. März, 11 Uhr: Straßenaktion am Ringerbrunnen; 19.30 Uhr: Interkulturelle Frauentanzparty, Haus der Kulturen;
11. März, 14 Uhr: „Frauen haben die Wahl!“, Kaufbar;
12. März, 19 Uhr: Filmabend „Sufragette“, Universum Kino;
14. März, 9.45 Uhr: Bildung – Beruf – Familie,
4. Regionale Frauenkonferenz, Kulturpunkt West, Ludwig-Winter-Straße 4;
15. März, 9.30 Uhr: Landesweiter Frauenfachtag „Frauengesundheit“. Four Side Hotel; 18 Uhr: Frauen zwischen Diskriminierung und Benachteiligung – Vortrag, Frauen- und Mädchenberatung bei sexueller Gewalt, Münzstraße 16;
16. März, 19 Uhr: „Internationale Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht“, Ausstellungseröffnung, Mütterzentrum/Mehrgenerationenhaus Hugo-Luther-Straße 60A. Mehr Infos unter www.braunschweig.de.

^