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Pfusch kommt bei ihr nicht in die Tüte

Kostümschneiderin Karin Hosse hat den neuen Prinz eingekleidet – und nicht nur den.

Karin Hosse mit dem alten Prinzenkostüm, das nach 13 Jahren ausrangiert wurde. Fotos: Birgit Wiefel

Von Birgit Wiefel, 07.02.2018.

Braunschweig. Seit 14 Tagen muckt im Hause Hosse die Sicherung. Ein Lichtschalter zu viel gedrückt, und sie fliegt raus. „Für so etwas haben wir jetzt überhaupt keine Zeit“, winkt Karin Hosse resigniert ab. Erst kommt der Karneval, dann alles andere. So war das bei Hosses schon immer.

Seit rund 20 Jahre engagieren sich Peter und Karin Hosse in der Karneval-Vereinigung der Rheinländer. Er als Funkenkommandeur, sie als Kostümschneiderin. Zeit zum Durchatmen bleibt für die beiden eigentlich nur zwischen Aschermittwoch und Mai, bevor im Atelier von Karin Hosse wieder die Nähmaschine für die kommende Session rattert.

Ob Prinzenehrengarden, Jugendgarden, Kindertill oder Zugmarschall – Hosse hat sie alle ausgestattet und dafür meterweise Bordüren und besonders robuste teflonbeschichtete Wollstoffe verarbeitet.Auch Detlev der Erste, der aktuelle Karnevalsprinz, hat pünktlich zum Start der fünften Jahreszeit ein neues „Outfit“ bekommen: natürlich im traditionellen KVR-Grün und mit dem Braunschweiger Löwen auf der Brust.
„Das alte Kostüm war nach 13 Jahren abgenutzt“, sagt Hosse, „außerdem ist der aktuelle Prinz kleiner als der alte – ich hätte also sowieso kürzen müssen“, fährt sie schmunzelnd fort. Wie viele Tage und Monate sie schon investiert hat – Karin Hosse weiß es nicht. Allein an dem neuen Prinzenkostüm hat sie 120 Stunden gearbeitet und mit jeder Menge kompliziertem Samtstoff gekämpft. Wams und Umhang des Kinderprinzen bedeuteten drei Wochen nähen im Akkord, damit beides pünktlich zum 11.11. fertig wurde.

Das ist anstrengend für die mittlerweile 68-Jährige, doch Pfusch kommt bei ihr nicht in die Tüte: Jede Naht, jede Bordüre, jedes Innenfutter sitzt bei der gelernten Schneiderin. Damit hebt sie sich ab. „Meist zählt bei Karnevalskostümen nur der erste Eindruck. Die Verarbeitung darunter ist zweitrangig“, weiß Hosse.

Mittlerweile vertrauen ihr die Braunschweiger Karnevalisten, lassen ihr – wie Zugmarschall Gerhard Baller – bei den Entwürfen freie Hand. Das macht sie, die lieber bescheiden im Hintergrund bleibt, wenn sich die anderen im Rampenlicht sonnen, ein bisschen stolz. „Ich liebe es, etwas derbere Stoffe zu verarbeiten“, sagt die Waggumerin, die vor ihrer Selbstständigkeit in einer Fabrik für Herrenbekleidung in Wuppertal und bei Schuberth-Helme in Braunschweig gearbeitet hat. Diese Erfahrung kommt ihr zugute, denn weder das Material noch die Menge wären mit gewöhnlichen Nähmaschinen („alles Kinderspielzeug“) zu schaffen. Im Arbeitszimmer unter dem Dach steht ausgewachsenes Industrie-Euipment: Eine alte Adler, eine Overlock- und eine Ledernähmaschine, die mühelos durch jedes Schulterpolster kommt.
Wie sieht es mit Ruhestand aus? Hosse lächelt. Ja, das wäre schön. „Aber dafür muss erst ein Nachfolger gefunden werden“, sagt sie mit Blick auf den mangelnden Nachwuchs.

Und so macht sie weiter und wird bei der Prunksitzung der Rheinländer am
kommenden Samstag (10. Februar) ganz sicher wieder eine Gänsehaut bekommen, wenn die Garden in ihren Kostümen einmarschieren …

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