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Schläft es noch oder schnaubt es schon?

Ausstellung im Altstadtrathaus beschwört die Magie der Puppenspielkunst – Der Braunschweiger Lehrer Harro Siegel war ein Meister seines Fachs.

Das Krokodil hat seinen Auftritt in der ägyptischen Komödie. Im Vergleich zum Sumpfdrachen Grendel mit seinen 2,5 Metern ist es vergleichsweise klein. Fotos: Marion Korth

Von Marion Korth, 10.01.2016.

Braunschweig. Harro Siegel war Künstler durch und durch, ein Perfektionist, die Fäden behielt er gern selbst in der Hand. Die Puppen tanzen lassen, das konnte seine Frau Adelheid wahrscheinlich besser, soll sie dafür doch ein besonderes Händchen gehabt haben.

Dem Marionettentheater und speziell dem Werk Harro Siegels, der ab 1943 an der Werkkunstschule Braunschweig (später Hochschule für Bildende Künste) Puppenspiel lehrte, ist eine Ausstellung im Städtischen Museum am Altstadtmarkt gewidmet.

Mit Räuber Hotzenplotz hatte Siegel nichts am Hut, es waren Stücke für Erwachsene, die er realisierte. „’Faust’ war sein Lieblingsstück“, sagt Heidemarie Anderlik, Leiterin des Städtischen Museums. Zu Siegels Lebzeiten – er ist 1900 in Kassel geboren – war das Puppenspiel noch als eigene Kunstform präsent. Als reines Menschenwerk hatte die Marionette besondere Qualitäten, war gleichzeitig figürlich zugespitzte Charakterstudie und Form gewordener Konflikt. Ideal, um dem künstlerischen Gedanken Ausdruck zu verleihen und vielleicht näher an ihm dran als die Schauspielkunst mit ihren menschlichen Mittlern.

Unter der Naziherrschaft machte die ideologische Gleichschaltung vor dem Puppenspiel nicht Halt. Als künstlerischer Leiter erhielt Siegel von dem in Gründung befindlichen „Reichsinstitut für Puppenspiel“ den Auftrag, 24 Handpuppenköpfe zu kreieren, die in das Weltbild der Nazis mit Antisemitismus und Feindbildern passte. Ein Gespenst aus dieser Zeit scheint indes friedlich in seiner Holzkiste zu schlafen: der Sumpfdrache Grendel, in dem nordischen Heldengedicht „Beowulf“ menschenfressendes Monster, ist 2,5 Meter lang und braucht vier Puppenspieler, um zum Leben erweckt zu werden.

Harro Siegel war Lehrer und Marionettentheaterleiter. Bereits in den 1920er Jahren reiste er kreuz und quer durch Deutschland und Europa, die Marionetten in hölzernen Kisten stets mit dabei. 1957 führte ihn und sein Puppenspielensemble der Weg über den Atlantik. In einer Vitrine kündet ein Programm vom „Marionette Theatre of Braunschweig“. Später war es ebenfalls Siegel, der Brücken baute und die „Woche europäischen Puppenspiels“ in Braunschweig inszenierte und etablierte. Zeugnis davon und von weiteren namhaften Puppenkünstlern und ihren Kreaturen geben der Nachbau einer echten Puppenwerkstatt sowie etliche Marionetten in den Vitrinen der Ausstellung.

Es ist eine Zauberwelt, die der Museumsbesucher betritt. Am Ende bleiben Zweifel, ob Goethes „Faust“ und mit ihm die Fabelwesen nicht doch ein Eigenleben führen. Frage an Museumsdirektorin Heidemarie Anderlik: „Und was passiert, wen Sie hier abends das Licht ausschalten?“ Antwort: „Dann ist hier ganz schön was los!“

• Ausstellung im Altstadtrathaus, Altstadtmarkt 7: „Ägyptische Komödie – Marionettentheater Harro Siegel“ noch bis zum 12. Februar. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.

Info:

Führungen (die Teilnahme ist kostenlos) am 13. und 20. Januar sowie 3. und 10. Februar jeweils um 15 Uhr. Zusätzliche Terminvereinbarungen: 4 70 45 51.

14., 15. Januar, 15 Uhr, Altstadtrathaus: „Lenas Fenster“ (ab vier Jahren).

13., 14., 15. Januar, 20 Uhr, Theater Fadenschein: „Wunderkammer“ – Betrachtungen über das Staunen.

28., 29. Januar, 14 bis 16 Uhr: Marionettenbasteln für Kinder ab fünf Jahren.
Finissage am 12. Februar, 15 Uhr, Altstadtrathaus: „Die kleine Zauberflöte“, Figurentheater ab vier Jahre.

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