So leicht ist es, ein Held zu sein

Zivilcourage fängt mit dem Hinschauen an – Ein Gespräch mit Hauptkommissarin Ines Fricke

Zivilcourage im Unterricht: Hauptkommissarin Ines Fricke zeigt den beiden Schülern Tobias (13) und Moritz (12), wie man ein Warndreieck aufbaut. Foto: Wiefel

Braunschweig. Ein Mann wird auf offener Straße überfallen, zwei Männer halten ihn fest, schlagen zu. „Die meisten haben beim Wort ’Zivilcourage‘ gleich Bilder wie aus einem Wild-West-Film vor Auge“, weiß Ines Fricke, Hauptkommissarin bei der Polizeiinspektion Braunschweig und im Bereich Prävention unterwegs. Eben ganz besonders mutige Einsätze in ganz besonders brenzligen Situationen.

„2009 war der Begriff in aller Munde als Dominique Brunner in München vier Schüler schützen wollte und dabei den Tod fand“, erzählt Fricke. Solche Situationen seien allerdings die absolute Ausnahme. Zivilcourage finge vielmehr bei ganz normalen, ja eigentlich selbstverständlichen Hilfeleistungen an.

„Sie sehen eine ältere Frau stürzen, sprechen sie an, rufen wenn nötig den Notarzt, bleiben bei ihr. Oder: Sie sind Zeuge eines Verkehrsunfalls, helfen beim Aufstellen des Warndreiecks und schützen Verletzte vielleicht vor den Augen der allgegenwärtigen Handyfilmer“, macht Fricke klar, wie einfach jeder von uns zum „Held“ werden kann.
Soweit die Theorie. Der Alltag sieht anders aus, weiß Fricke. „Vor allem Männer machen gerne den Kardinalfehler, aktiv in den Streit einzugreifen, den Täter anzufassen, ihn zu schlagen oder festzuhalten“, berichtet Fricke. Das sei hochgefährlich. „Sie unterschreiten in diesem Moment die persönliche Distanzzone des Täters oder steigern – durch das Festhalten – seine Panik“, rät sie eindringlich von dieser „Ich-mach-den-Sheriff“-Haltung ab.

Genauso wenig hilfreich: Menschen, die zwar auf Abstand bleiben, aber nach dem Motto „Die anderen werden schon helfen“, passiv bleiben oder sich einfach nicht trauen, die 110 anzurufen. „Ist das überhaupt wichtig genug? Blockiere ich damit nicht den Notruf und muss am Ende noch eine Strafe zahlen, wenn es so ist?“ – Sätze wie diese hat Ines Fricke schon oft gehört. Und kann beruhigen: „Wir nehmen grundsätzlich jeden Anruf ernst.“

Die Polizeihauptkommissarin bietet inzwischen Kurse an, in denen sie zeigt, auf was es bei Zivilcourage ankommt. 1000 Erwachsene hat sie in den vergangenen sechs Jahren geschult. Auch Schulklassen ab dem 5. Jahrgang gehören zu ihren Teilnehmern.
„Wenn Ihnen Ihr Bauchgefühl sagt: Da stimmt etwas nicht. Sie beobachten, dass jemand belästigt wird, gibt es sechs goldene Regeln, wie Sie helfen können“, zählt Fricke auf:
1. Eingreifen ohne sich selbst zu gefährden – zum Beispiel den Täter laut und deutlich mit einem „Lassen Sie das“ ansprechen.
2. Andere Passanten auffordern, mitzuhelfen, etwa: „Sie im roten Polo-Shirt, rufen Sie die Polizei.“
3. Beobachten, um den Beamten zu helfen: Wie sahen die Täter aus? Wohin sind sie gelaufen?
4. Die Polizei unter 110 rufen.
5. Sich um das Opfer kümmern – sei es um Erste Hilfe zu leisten, sei es den Rettungsdienst zu alarmieren.
Und 6.: Sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen und so der Polizei beim Fassen der Täter zu helfen.
„Braunschweig ist eine sichere Stadt“, beruhigt Ines Fricke. „Wirklich ernsthafte Gewaltsituationen kommen praktisch nicht vor – noch nicht mal auf der Partymeile.“
Der Workshop „Zivilcourage im Alltag“ wird regelmäßig und kostenlos vom Präventionsteam der Polizeiinspektion angeboten. Anmeldung und Auskünfte gibt Polizeihauptkommissarin Ines Fricke unter E-Mail ines.fricke@polizei.niedersachsen.de.

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