• Home
  • > >
  • „Tschick“ in der aufgedrehten Version

„Tschick“ in der aufgedrehten Version

Überlebenskampf in Schaumstoff: Das Junge Staatstheater zeigt Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman in der Bühnenfassung.

Tschick (Anton Andreew) und Maik (Ralph Kinkel) erleben gemeinsam Abenteuer. Foto: Beinhorn

Von André Pause, 03.03.2017.

Braunschweig. Bei aller Turbulenz, die das sommerliche Abenteuer der Protagonisten Maik und Tschick so mit sich bringt, ist Wolfgang Herrndorfs vor sieben Jahren erschienener Jugendroman „Tschick“ doch sprachlich austariert, und im Erzählstil eher unaufgeregt, ja unaufdringlich. Regisseur Martin Grünheit hat nun in seiner Inszenierung für das Junge Staatstheater zumindest partiell ein bisschen zu sehr am Übertreibungsregler gedreht.

Der Abend beginnt in Monologform auf der Vorbühne. Ralph Kinkel als Maik Klingenberg erzählt am Keyboard sitzend und mit betonter Steifigkeit seine Situation, berichtet von seinem zwar wohlhabenden, aber zerrütteten Elternhaus, der Alkoholkrankheit seiner Mutter, seinem Außenseitertum und der heimlichen wie unerwiderten Liebe zur Klassenschönheit Tatjana Cosic.

Schlaglichtartig tauchen die umschwärmte Mitschülerin, die hysterische Mutter (Nina El Karsheh), der mit der „Sexretärin“ auf „Geschlechtsreise“ gehende Vater, der schrullige Klassenlehrer Wagenbach (beide Rollen Ravi Marcel Büttke) und Neumitschüler Tschick (als Einziger nur selten überzeichnend: Anton Andreew) via Filmprojektion auf dem Vorhang oder auf der Vorderbühne auf – dies freilich mehr als Beglaubigung der Ausführungen des Maik, denn als selbstständiges Spiel.
Erst mit dem eigentlichen Abenteuer, der großen Fahrt im gestohlenen Lada Niva öffnet sich im Kleinen Haus der gesamte Bühnenraum. Die Sprecherrolle übernimmt ab hier Hospitantin Magdalena Dorothea Suss vom aufgebauten Hochstand aus. Überzeugend gelingen in dieser Phase die Dialoge der Hauptfiguren Maik und Tschick.

Über fast allem anderen liegt gar zu dick aufgetragen die Comedy-Schicht, die nicht so recht passen will zum zwar locker geschriebenen, im Grundton aber doch eher ernsten Stoff über zwei pubertierende Außenseiter, die, indem sie den jeweils anderen finden, sich selbst zu spüren beginnen.
Geradezu dankbar ist man daher, dass Ralph Kinkel die Reflexion des Maik zu diesem Sommer, der für Tschick mit Heimaufenthalt und für den Ich-Erzähler mit 30 Sozialstunden endet, zurück am Keyboard auf der Vorderbühne vortragen kann. Dort wo zuvor bereits einige Male rudimentär „Survivor“ von Destiny‘s Child angeklungen ist.

Dass dieser Maik auch einen Überlebenskampf gekämpft hat, verliert Martin Grünheits Inszenierung bei aller Spaßmacherei – ein stattlicher Berg mit Schaumstoffteilen auf der Bühne verführt natürlich – leider ein bisschen aus den Augen.

Die nächste Vorstellung ist am kommenden Dienstag (7. März), weitere Termine und Informationen unter staatstheater-braunschweig.de.

^