„… und auf Knopfdruck sind wir jeck“

Brunswiek helau: Unterwegs auf einem Umzugswagen des Schoduvels.

Der Umzugswagen war mit einem blauen Elefanten geschmückt und beschäftigte sich mit dem Thema Volkswagen. Fotos (4): Maria Lüer

Von Maria Lüer, 13.02.2018.
 

Braunschweig. Das Thermometer zeigt ein Grad, Nieselregen ist im Anflug, keine Aussicht auf Sonne. Sehnsüchtige Gedanken an den Karneval in Rio kommen auf. Warum feiern die Narren hierzulande bloß immer im eisigen Winter und nicht zur schönen Sommerszeit, frage ich mich, als ich das Haus verlasse und mich auf den Weg zum Braunschweiger Schoduvel mache.

Im Bus lasse ich meine Monster-Kappe mit pinken Bommeln noch verschämt im Rucksack, der Clown, der mir gegenüber sitzt, ist auch noch nicht so richtig bei Laune, seine Mundwinkel hängen runter, er sieht müde aus. Es ist jetzt zwölf Uhr, der Umzug startet in knapp einer Stunde.

Am Europaplatz angekommen klettere ich auf den Festwagen, den ein blauer Elefant und eine Volkswagen-Anspielung zieren. Mit an Bord: Die Hannöverschen Traditions-Corps und Unmengen an Kamelle.

Wir stehen lange in der Kälte, bevor es endlich voran geht. Erst um 13.30 Uhr tuckert der Traktor langsam los, hinter uns dröhnen die Trommeln. Wir streifen an der Volkswagen Halle vorbei und sind auf Knopfdruck jeck. Der Karnevalskönig auf dem Wagen stimmt ein dreifaches „Brunswiek helau!“ an, wir schmeißen die ersten Tüten Gummibärchen und Bonbons über Bord.

Überall stehen die Menschen bunt verkleidet in mehreren Reihen hintereinander an der Straße, rufen uns ihr „Helau“ zu und fangen das bunte Naschwerk. Rund 30 Tonnen Waffeln, Schokoriegeln, Bollchen und Plüschtiere haben die Karnevalisten an diesem Tag in die Menge geworfen, wie Zugmarschall Gerhard Baller später berichtet.

Auf der Langen Straße machen wir eine Gruppe Clowns mit karierten Hemden, bunten Krawatten und roten Pappnasen aus. „Dürfen wir den Herrschaften auf dem Wagen vielleicht einen Schnaps anbieten? Wegen der großen Kälte draußen“, fragt uns einer der Herren. „Na, da sagen wir bestimmt nicht Nein“, erwidern wir prompt. Zusammen stimmen wir „Wenn nicht jetzt, wann dann“ von den Höhnern an und bedanken uns für den feucht-fröhlichen „Promillehalt“ mit einer extra Portion Kamelle. Es geht weiter.

Wir kommen zum Altstadtmarkt – viel voller kann es hier nicht sein. Bei diesen Massen geraten wir vollends in Faschingsekstase. Wir schunkeln und tanzen, der Wagen bebt und wackelt. „Frauenarzt & Many Marc“ donnern mit „Hey, das geht ab“ aus den Boxen, ein Pilot fordert mich auf, die Bonbons doch direkt in sein Bierglas zu werfen – beim Versuch dieses zu treffen, falle ich fast vornüber.

Nur noch ein paar Hundert Meter. „Du hast mich tausendmal belogen“, singt Andrea Berg jetzt schon zum vierten Mal, ich kann jetzt zehn Popcorntüten auf einmal werfen: „Brunswiek helau!“ Noch einmal halten wir uns im Arm und schunkeln. Wir sind freudetrunken, wir alten Narren.

Plötzlich stoppt unser Trecker. Wir stehen kurz hinter der Stadthalle. Zugende nach knapp zwei Stunden. Musik aus. Generator abgeschaltet. Binnen weniger Minuten ist der mit purem Vergnügen gefüllte Festwagen verweist. Zu Fuß geht es zurück in Richtung Stadt. Dort mischen wir uns unter die feierwütige Meute – und schunkeln noch lange nach.

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