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Vom Funkenflug bis zur völligen Entfesselung

Gregor Zöllig gelingt mit „Dein Herz ist meine Heimat“ ein beeindruckender Tanzabend.

Zart und zupackend zugleich: Pauline De Laet und Simon Wiersma. Foto: Ursula Kaufmann

Von André Pause, 22.02.2017.

Braunschweig. Inspiriert durch William Shakespeares Sonetten, die Liebe in allen Facetten über die Rampe des Großen Hauses bringen – das möchte Staatstheater-Chefchoreograph Gregor Zöllig mit seinem anderthalbstündigen Abend „Dein Herz ist meine Heimat“. Um es vorweg zu nehmen: Bei der Uraufführung gelingt ihm dies eindrucksvoll.

In 90 Minuten bleibt dem Ensemble und damit auch dem Publikum nichts Menschliches fremd. Auf drei Ebenen bewegen sich die Tänzer aufeinander zu und voneinander weg. Die Suche nach dem passenden Gegenstück auf der Bühne sieht aus dem Zuschauerraum durch einen durchsichtigen Vorhang zunächst aus wie auf Leinwand. Nebelschwaden verstärken die auf der Hand liegenden Fragen zu Nähe und Ferne, Traum und Wirklichkeit, Erreichbarkeit und Unerreichbarkeit.

Auch der richtige Zeitpunkt spielt in der Liebe eine nicht unbedeutende Rolle. Bei Pauline De Laet und Simon Wiersma funkt es offensichtlich, die Zuneigung ist noch ganz frisch. Etwas tapsig gehen die beiden anfangs miteinander um, küssen sich nach Anleitung, bis der Waschzettel mit den Instruktionen zerknüllt in die Ecke fliegt. Es klappt auch so, und schon bald schmiegen die Tänzer – zart und zupackend zugleich – ihre nackten Oberkörper ineinander.
Solche gut nachfühlbaren Bilder liefert Zölligs Abend in Hülle und Fülle. Neben absoluter Verliebtheit, Sehnsucht, zu großer Nähe, über die triebhafte Lust bis hin zur einseitigen Verehrung, kategorischen Abweisung oder Besitzergreifungsversuchen kommen im Ansatz wohl so ziemlich alle Freuden und Leiden der Liebe auf den Verhandlungstisch. Immer wieder bringen sich die Ensemblemitglieder dabei auch sprachlich beziehungsweise spielerisch ein. Und wenn Bettina Bölkow in Dompteurinnenpose die Herrenriege auf Kommando entkleiden lässt oder die Ensemblemitglieder nebeneinandersitzend über das jeweils erste Mal berichten, dann hat das auch charmanten Unterhaltungswert.

Am Ende des Abends, für den das Staatsorchester mit Werken und Musiken von Adams, Einaudi oder Ravel pointiert die Grundlage liefert, steht folgerichtig der exzessive Rausch. Völlig entfesselt lassen die Tänzer Blütenblätter in Weiß und Rosa rieseln. Hach, kann Liebe schön sein!
Der Premierenapplaus im Großen Haus des Staatstheaters ist kräftig und langanhaltend. Die nächste Aufführung ist am heutigen Mittwoch um 19.30 Uhr. Weitere Infos unter staatstheater-braunschweig.de.

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