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„Wer ’Zigeuner‘ sagt, weiß nicht, wovon er spricht“

Realschüler forschten zu den Sinti – Ergebnisse sind in der Gedenkstätte Schillstraße zu sehen

Die Schüler und Schulleiterin Edith Böhme (6. v.r.) bei der Übergabe ihrer Forschungsergebnisse an die Gedenkstätte Schillstraße. Deren Leiter Frank Erhardt (1.v.l.) freute sich über die Aufarbeitung der Geschichte der Sintis. Foto: Nizar Fahem

Braunschweig. „Zigeuner“: Den Begriff hatte Nick schon öfter gehört. Meist als Beleidigung. „Über den Hintergrund habe ich mir früher nie Gedanken gemacht“, gesteht der 16-jährige Schüler der Nibelungen-Realschule. Bis vor einem Jahr. Da forschten Nick und weitere Jugendliche des Wahlpflichtfachs Geschichte genauer zu dem Begriff und dem Schicksal der Sinti in Braunschweig. Die Ergebnisse ihrer Spurensuche sind seit Kurzem in der Gedenkstätte Schillstraße ausgestellt.

„Das Thema ist gerade in diesem Jahr aktuell“, sagt Simone Weiß, Sozialarbeiterin der Schule. „Vor 75 Jahren wurden Sintis in Braunschweig nach Auschwitz deportiert. Ihre Wagen im Sammellager in Veltenhof verbrannt“. Die Idee, dazu ein Projekt zu machen, kam von ihr.

Simone Weiss, Sozialarbeiterin der Nibelungen-Realschule, gab den Anstoß zum Projekt über die Braunschweiger Sintis.

 

„Über die Sintis in Braunschweig gibt es kaum Zeugnisse“, erklärt Weiss. „Dabei gab es seit dem 18. Jahrhundert ein Wanderlager in Veltenhof.“ Das friedliche Miteinander endete, als die Nationalsozialisten Sonderklassen einrichteten und das Lager 1943 auflösten. Auf dessen Spuren stießen die Schüler erst nach langer Suche und mit Unterstützung des Bezirksbürgermeisters, Heimatpflegers und der Großeltern. „Durch Zufall fand die Oma einer Schülerin noch ein Foto des Lagers“, sagt Weiss. Heute erinnert an der Stelle nichts mehr daran – „nur die Hausnummern beginnen dort ab der Nummer 4. Es musste also früher etwas an der Stelle gestanden haben“, erzählt Nick von der mühseligen Detektivarbeit.

Inzwischen wurde an der Stelle in Veltenhof eine Erinnerungstafel aufgestellt. Die Gedenkstätte Schillstraße erhielt eine Kassette mit Dokumenten und Interviews, die die Schüler gesammelt haben. Ein Einsatz, für den sie sogar eine Auszeichnung bekamen: den mit tausend Euro dotierten zweiten Platz im Rahmen des Margot-Friedländer-Preises.

Nick (16) lernte bei der Recherche eine Menge über den Ursprung der Sintis kennen und traf selber welche. Fotos: bw

 

Hat das Projekt die Jugendlichen verändert? „Ja“, sagt Nick nachdenklich. Im Verlauf der Arbeit hätten sie nicht nur das Einzelschicksal von Adolf Laubinger kennengelernt. „Wir haben auch Kontakt zu den Sintis bekommen, die wieder in Braunschweig leben“, berichtet Nick vom Besuch des Lagers im Madamenweg. Ein Leben im Wohnwagen, mehr draußen als drinnen – für die Schüler der Nibelungen-Realschule eine ungewöhnliche Erfahrung. „Das Kaffeetrinken fand in einem Unterstand statt“, ist Nick immer noch perplex.

Die Kontakte zu den Sintis sollen mit den nächsten Klassen weiter ausgebaut werden und Nick weiß jetzt: „DIE Zigeuner gibt es gar nicht. Wer den Begriff benutzt, weiß nicht, wovon er spricht.“

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