Keine Vergnügungsfahrt | Neue Braunschweiger
27. Mai 2020
Wirtschaft

Keine Vergnügungsfahrt

In Berlin wollen Iwona und Ullrich Just für die Zukunft ihres Busunternehmens kämpfen

Unterwegs in eigener Sache: Auch heute sind – wie bei der ersten Kundgebung – Busse von Ulli-Reisen in Berlin. privat

Braunschweig/Berlin. Nichts geht mehr – das gilt für die Touristikbranche mehr als für andere Branchen. Ferienflieger bleiben am Boden, Reisebusse rollen nicht. Die Corona-Pandemie hat den Reiseverkehr lahmgelegt. Mit einer Ausnahme: Am Mittwoch haben die großen Berufsverbände eine Kundgebung mit Buskorso in der Bundeshauptstadt angekündigt. Mehr als 1000 Busse sollen nach Berlin fahren. „Und ein Zeichen setzten“, sagt der Braunschweiger Reiseunternehmer Ullrich Just. Mit vier Bussen wird auch Ulli-Reisen dabei sein.

Stillstand statt Neuanfang: Iwona und Ullrich Just kämpfen um die Zukunft ihres Unternehmens. Die Busse dürfen noch immer nicht fahren. Marion Korth
Braunschweiger Familienunternehmen: Auch Tochter Stefanie Just arbeitet bei Ulli-Reisen. Marion Korth

 

Während viele die Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt haben, lief in den Reisebüros die Kostenuhr weiter. Stornierungen, Umbuchungen, Rückzahlungen. Die bislang erfolgte Unterstützung ist nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Just redet nicht drumherum: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Und seine Frau Iwona ergänzt: „Wir müssen kämpfen.“ Mitte Mai hatte sich die Touristikbranche schon einmal in der Bundeshauptstadt versammelt, um die Politik aufzurütteln. Seither hat sich die Situation eher noch verschärft.

Gesamte Touristikbranche betroffen

„Es geht nicht allein um die Reisebüros“, stellt Ullrich Just (Ulli-Reisen) klar, „es geht um die gesamte Touristikbranche.“ Allein sein Unternehmen habe eine halbe Million Euro an Kundengeldern für bereits bezahlte, als Folge der Corona-Pandemie jedoch gestrichene Reisen ausbezahlt. Diese hohe Summe zeigt, um welche Dimensionen es hier geht.

Das Unternehmen mit „56 Jahren Reiseerfahrung im Gepäck“ hat seinen Stammsitz am Nibelungenplatz. Marion Korth

Nur 20 Prozent der Kunden hätten sich für eine Umbuchung auf einen späteren Termin und einen Gutschein entschieden, 80 Prozent hatten auf die sofortige Rückzahlung bestanden. Ullrich Just hat Verständnis für die Zurückhaltung seiner Kunden. Ein älterer Herr, 85 Jahre alt, habe ihn gefragt, was er seiner Familie sagen soll, wenn er sich im Bus oder am Reiseziel wider alle Erwartung doch mit dem Coronavirus anstecken sollte. „Was soll ich antworten?“ Ullrich Just ist an dieser Stelle ratlos. Die Frage, was wäre wenn, verunsichert und weckt nicht gerade Reiselust.

Zukunftsinvestition belastet nun die Bilanzen

Zusätzlich belastet wird die Bilanz des Unternehmens von einer eigentlich zukunftsweisenden Investition: „Wir haben in den vergangenen vier Jahren unsere gesamte Busflotte auf moderne Euro-6-Norm-Motoren umgerüstet“, sagt Just. Zehn Reisebusse und 26 Mitarbeiter halten den Betrieb normalerweise am Rollen. Zählt Ullrich Just alles zusammen – Mitarbeiter, Miete, Kredite ­ ­– dann bräuchte er, um die Kosten in diesen Bereichen zu decken, 70 000 Euro im Monat. An Soforthilfe habe das Unternehmen bislang 20 000 Euro erhalten ­– „für drei Monate“. Die Finanzierungslücke dazwischen droht ihn und das Familienunternehmen zu schlucken. Die Mitarbeiter sitzen mit im Boot, sind zum Teil an der Firma beteiligt. Ihre Arbeit und ihr Engagement, die sie in die Reiseorganisation gesteckt haben, sind zunichte gemacht. Als sie davon erzählen, kommen Fassungslosigkeit und Tränen hoch. Auch deshalb führt für das Busunternehmen – eines von 3600 bundesweit – kein Weg an Berlin vorbei.

„Normalerweise geht es bei uns zu Ostern richtig los“, sagt Ullrich Just. Stattdessen folgte auf die ohnehin ruhige Winterzeit die Vollbremsung. „Am 1. März wurde der erste Bus storniert“, weiß Iwona Just noch ganz genau. Seither hält der Alptraum an.
Manche Reisen, wie die Kuraufenthalte, können sie in den Herbst verschieben, andere gar nicht: „Die Tulpenblüte ist vorbei …“ Aber kein Bus von Ulli-Reisen hat die Fahrt nach Holland angetreten. Da bleibt nur der Blick in die Zukunft und ins nächste Jahr. „Die eine oder andere Reise werden wir machen, aber das wird uns nicht retten“, sagt Just. Er hatte gehofft, dass er ab dem 28. Mai wieder durchstarten kann, jetzt gilt das Verbot bis zum 10. Juni. „In sechs Bundesländern dürfen sie schon wieder fahren, wir in Niedersachsen nicht.“

Unterstützung auch für die „Kleinen“?

Ullrich Just hofft, dass der Staat nicht nur Lufthansa und TUI stützt, sondern auch das kleine Familienunternehmen. 350 Euro Ausgleich je Bus und Standtag, das wäre etwas. Denn wenn er an seine modernen, sauberen Busse denkt, dann haben Reisen, wie er sie anbietet, Zukunft. „Wir müssen den Klimaschutz nach vorn stellen“, betont Just. Auf sein Team können er und seine Frau sich sowieso verlassen, die Krise hat alle zusammenrücken lassen. Voller Kraft arbeiten sie auf den Tag hin, an dem es wieder richtig läuft. Dafür setzen sie sich in Berlin ein.

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