16. Februar 2021
Buntes

Waschen, schneiden, legen – 50 Cents

Kolumne: In 80 Zeilen um die Welt, Vol III, Folge 2

Im Beauty-Herren-Salon in Da Nang, 2018. Foto: Andreas Döring/oh

In Okahandja war das, unterwegs zum Etosha-Nationalpark in Namibia. Ich blutete am Hals und meine Freundin drängte zum Aufbruch ins nächstgelegene Hospital – sie hatte Angst um mein Leben. Ich nicht ganz so. Der noch sehr junge schwarze Herrenfriseur hatte mich im Nacken ausrasiert und dabei geschnitten.

Sein Kittel war nicht der sauberste, mein Umhang schon gar nicht, der ganze Salon entsprach sicher nicht der ISO-Norm für Hygiene und Sauberkeit, und nun kam die Angst auf, ich hätte mir „was geholt“. Ganz unaufgeregt wurde ich zu ende rasiert, ein Pflaster lehnten wir aus besagten Gründen ab, seine Freundin kicherte, als wir den Salon verließen. Meine Freundin war mit meinem Spleen noch nicht vertraut – heute macht sie ganz entspannt Fotos vor, während und nach dem Schnitt. Seit 1996 gehe ich jeden Freitag zum Frisör, egal, in welcher Zeitzone ich gerade bin, und je weiter weg, desto spannender und skurriler die Umstände von Rasur und Schnitt.

Überhaupt: Rasur! So richtig mit dem Messer. Anfeuchten, mit einem Tuch vorwärmen, bis zu dreimal einseifen und erst mit dem Strich, dann gegen den Strich, dann die Feinheiten um die Nasenflügel und den Kehlkopf – das gibt es hierzulande schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und umso spannender, je weniger man sich verständigen kann. „You inglis?“ – No, german!“ – „Ah: Bayern Munik!“ – „No! Eintracht.“ – „???“– „Bayern gut.“ In diesem fortgeschrittenen Stadium des Gesprächs sind wir dann oft schon umringt von Schaulustigen – denn Touristen gehen nicht zum Frisör, allerhöchstens zu dem im Hotel. Mein Schnitt nimmt die Dimension einer Live-Übertragung an und alle zusammen kauderwelschen wir uns bis in höchste Abstraktionsbereiche. So gelang es mir in Ägypten, 3 CDs auf meinen Laptop kopieren zu dürfen: Aufnahmen eines ganz berühmten Imams, dessen herzerweichender Tenor aus dem Ghettoblaster kam. Er sang Koransuren: der Friseur war tief gläubig, ich wollte den Gesang aber nur rein musikalisch – ich ging trotzdem als Freund.

Zweimal musste ich vergleichsweise horrende Summen zahlen: auf Sardinien nahm mir der Touristenhasser von Barbiere 25 Euro ab und baute sich physisch vor mir auf; in Hué in Vietnam wurde ich scheibchenweise immer einen Dollar mehr los: Haaröl, Fadenepilieren, Schulter- und Nackenmassage. Der Mann war enttäuscht, als ich raus wollte. „Der war nur noch 2 Dollar vom happy finish weg“ sagte meine Freundin.

Andreas Döring, langjähriger Redakteur im NDR Studio Braunschweig, arbeitet als freier Autor im Bereich Reisen und Literatur. Er hat in Windhoek Weihnachtssendungen für das deutschsprachige Radio produziert, in Sambia Dorfschulkinder unterrichtet und ist als Literaturlektor auf Expeditionsschiffen gefahren. Seine Reisenotizen hat er exklusiv für uns zu kleinen Geschichten verarbeitet: www.andreasdoering.com

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