2. März 2021
Tipps

Tafelberg? Das machen eher Weiße.

In 80 Zeilen um die Welt - VOL. III Folge 3

Chor der TU Braunschweig am Kap der Guten Hoffnung, 2010. Foto: Andreas Döringoh

In Kapstadt war das, Konzertreise des Chors der TU Braunschweig 2010. Wir waren Gäste der University of the Western Cape, einer Uni, die stolz darauf ist, besonders Schwarze aus benachteiligten Sozialsphären zu neuen afrikanischen Eliten heranzubilden. Der legendäre Bischof Desmond Tutu war 25 Jahre lang Kanzler der UWC. Und da waren wir nun untergebracht auf dem Campus, 30 Weiße aus dem fernen – und reichen – Deutschland unter lauter People of Colour mit Biografien, die wir bestenfalls aus Dokumentarfilmen kannten. Wir waren die Ausnahme, die Exoten auf diesem umzäunten Gelände und haben während dieser 10 Tage die Chance gehabt, zu lernen, wie es ist, als weiß wahrgenommen zu werden und sich in diesem Kontext dann selbst als weiß und anders wahrzunehmen. Und wir wurden auch dann als weiß und anders wahrgenommen, wenn wir wie selbstverständlich die Sehenswürdigkeiten abklapperten– allen voran den Tafelberg. Die Studierenden aus dem Musikzentrum der Uni haben sich rührend um uns gekümmert und natürlich wollten sie uns nicht allein auf dieses – wie ich finde recht unspektakuläre – Wahrzeichen Kapstadts steigen lassen. Aber sie mussten schon nach kurzem Anstieg umkehren, hatten nur Flipflops oder Sandalen an – Wanderstiefel oder auch nur festes Schuhwerk waren außerhalb ihrer Reichweite. „Und sowieso“, erfuhr ich später, „geht keiner von uns da rauf. Das machen eher Weiße. Ich war auch noch nie auf dieser Seite der Stadt.“ Der größte Kontrast war der Besuch eines Sozialprojekts in der Nachbarschaft, in der der Leiter des Studentenwerks aufgewachsen war. Er zeigte uns alle Ecken seines Viertels und machte uns sehr deutlich, was es hieß, sich während der Apartheid in einem vernachlässigten schwarzen Viertel hoch zu boxen. „Ich habe studiert und es zu was gebracht, und an jedem Wochenende gebe ich dem Viertel etwas davon zurück.“ Er leistet Sozialarbeit in einem Zentrum, das Straffälligen wieder zurück hilft. Wir haben uns dort im Halbkreis aufgestellt und „Waldesnacht“ von Brahms gesungen – die Leute hatten Tränen in den Augen und ich konnte auch nur mit Mühe den Ton halten. Es gibt so Momente, da steigen Wut, Scham und Demut in mir hoch und meine Unterlippe fängt an zu zittern. Und das passiert auf Reisen öfter als zu Hause, weil ich in der Fremde meine Selbstverständlichkeiten als Anderssein heilsam um die Ohren kriege.

 

Andreas Döring, langjähriger Redakteur im NDR Studio Braunschweig, arbeitet als freier Autor im Bereich Reisen und Literatur. Er hat in Windhoek Weihnachtssendungen für das deutschsprachige Radio produziert, in Sambia Dorfschulkinder unterrichtet und ist als Literaturlektor auf Expeditionsschiffen gefahren. Seine Reisenotizen hat er exklusiv für uns zu kleinen Geschichten verarbeitet: www.andreasdoering.com

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