10. April 2021
Wirtschaft

Ab nächsten Donnerstag wird es bunter

Braunschweig geht als Modellregion an den Start und will den Lockdown gesichert lockern

Laura Foltz vom Stadtmarketing zeigt die Luca-App. Mit dieser App und zusätzlichen Maßnahmen soll so etwas wie „ein bisschen normales Leben“ möglich werden.. Peter Sierigk

Braunschweig. Der Lockdown wird geöffnet. Kontrolliert, in vorgeschriebenen Bahnen, unter festen Bedingungen. So der Plan. Braunschweig hat den Zuschlag als Modellregion bekommen und wird – so weit vorauszublicken ist – am kommenden Donnerstag starten.

Alle Bürgerinnen und Bürger können das Angebot nutzen und endlich wieder ihre Stadt genießen. Ab sofort kann sich jeder kostenlos die Luca-App aufs Handy laden, damit wird dann ein QR-Code am Schaufenster oder Eingang gescannt, und schon ist der Kunde oder Besucher registriert. Jetzt noch ein negativer Schnelltest, digital oder in Papierform, und dem lange vermissten Vergnügen beim Shoppen, beim Sport, in der Gastronomie oder der Kunst und Kultur steht – theoretisch – nichts mehr im Wege. Denn noch ist der sinkende Inzidenzwert in Braunschweig nicht gesichert, und auch die Entscheidung der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin am Montag muss abgewartet werden. Aber, ein bisschen Optimismus vorausgesetzt, sieht die Welt – und vor allem die Braunschweiger Innenstadt – ab nächsten Donnerstag lebendiger und bunter aus.

Die Stadt Braunschweig kämpft energisch für einen Weg aus der Coronakrise. Sie hatte sich mit einem eigenen Öffnungskonzept beim Land beworben und den Zuschlag erhalten. Der Start für diese kontrollierte und wissenschaftlich begleitete Lockdown-Öffnung ist voraussichtlich der 15. April (Stand 8. April).

Ursprünglich war diese Öffnung für die maximal 150 teilnehmenden Geschäfte und Unternehmen für kommenden Montag geplant, das aber wurde aufgrund der Kurzfristigkeit verworfen. Jetzt also Donnerstag, der 15. Das Modellprojekt sieht vor, dass jeder Besucher einen negativen Schnelltest vorlegt. Außerdem müssen die Gäste mit der Luca-App ein- und auschecken.

Ulrich Markurth:
Die Niedersächsische Landesregierung hat 14 Kommunen bestimmt, die an diesem Versuch teilnehmen dürfen. Oberbürgermeister Ulrich Markurth zeigte sich erfreut über die Zusage des Landes. „Mit unserem Modellprojekt haben wir die Möglichkeit, sichere Alternativen zum pauschalen Lockdown zu entwickeln. Die Betriebe und Kultureinrichtungen in Braunschweig leiden schwer unter den fortdauernden Schließungen. Sie haben es verdient, dass wir alles tun, um intelligentere Lösungen zu finden, durch die sich Pandemiebekämpfung und Infektionsschutz mit wirtschaftlichem und kulturellem Leben vereinen lassen. Wenngleich nicht alle Betriebe und Einrichtungen von Anfang an von dem Modellprojekt profitieren können, ist das ein wichtiger Schritt zurück zu mehr Normalität. Natürlich werden wir die Lage intensiv beobachten und weiterhin die Maßnahmen ergreifen, die das Infektionsgeschehen erfordert. Erst einmal sind wir aber optimistisch, denn das gemeinsam mit Verbänden, Kammern und Gewerkschaften erarbeitete Öffnungskonzept weist einen hohen Schutzstandard auf. Gemeinsam mit unseren zahlreichen Partnern verstehen wir die Teilnahme am Modellprojekt als Chance und Verantwortung zugleich.“

Die Situation werde von Ordnungskräften und der Polizei im Rahmen der geplanten Kontrollen streng überprüft, betonte Markurth, denn das Projekt könne nur gelingen, wenn sich alle konsequent und verantwortungsvoll an die Regeln halten.
Mit Blick auf die sehr unterschiedliche und eher besorgniserregende Entwicklung in Niedersachsen wäre auch ein vorgeschalteter strenger Lockdown denkbar und würde von uns mitgetragen“, sagte Markurth am Anfang der Woche noch. Inzwischen hat sich aber Ministerpräsident Stefan Weil gegen einen verschärften Lockdown ausgesprochen. Die nächste Konferenz aller Ministerpräsidentin mit der Kanzlerin ist für Montag geplant ­– dann wird vielleicht neu entschieden.
Bis dahin bereiten sich alle Beteiligten auf den Modellversuch vor.

Dr. Christine Arbogast:
„Die Testkapazitäten in Braunschweig steigen dank großen privatwirtschaftlichen Engagements sukzessive an. Das ist ein wichtiger Baustein des Modellprojekts“, hatte Sozialdezernentin Dr. Christine Arbogast bei der Vorstellung der Bewerbung erklärt. Flankiert werden die Schnelltests durch den Einsatz digitaler Kontaktnachverfolgung. So steht die Luca-App in Braunschweig sowohl für Betriebe als auch für Gäste kostenfrei zur Verfügung und ist mit dem Braunschweiger Gesundheitsamt verknüpft. Die teilnehmenden Betriebe und Einrichtungen sind verpflichtet, Gäste und Beschäftigte digital an- und abzumelden. So kann das Gesundheitsamt im Falle auftretender Infektionen durch Abfrage der Zutrittsdaten die Kontaktpersonen von Infizierten schnell ermitteln, warnen und weitere Maßnahmen veranlassen, um die Infektionskette schnellstmöglich zu unterbrechen.

Die Erfassung von Besucher- und Mitarbeiterdaten auf Papier ist im Rahmen des Modellprojekts nicht zulässig. Zusätzlich müssen alle teilnehmenden Betriebe und Einrichtungen dem Gesundheitsamt ein von Fachleuten erstelltes Hygienekonzept vorlegen, das die aktuellen Standards zum Infektionsschutz erfüllt.
Die Braunschweiger Bewerbung hat die Stadt in Zusammenarbeit mit der Braunschweig Stadtmarketing GmbH entwickelt und eng mit der IHK Braunschweig, dem Arbeitgeberverband Region Braunschweig, dem Arbeitsausschuss Innenstadt, dem Arbeitsausschuss Tourismus, dem Deutschen Gewerkschaftsbund Region Süd-Ost-Niedersachsen, der Gewerkschaft ver.di Bezirk Süd-Ost-Niedersachsen, der Kreishandwerkerschaft Region Braunschweig–Gifhorn, dem Dehoga-Kreisverband und dem Einzelhandelsverband Harz-Heide abgestimmt.

Olaf Jaeschke:
Für Olaf Jaeschke als Vorsitzender des Arbeitsausschusses Innenstadt (AAI) ist das Modellprojekt alternativlos. „Ich habe es ja mitentschieden und ich weiß, dass es wirtschaftlich vermutlich nicht der große Wurf sein wird“, erklärt er, aber gesellschaftspolitisch sei jeder noch so kleine Klimmzug wert, getan zu werden. Die größte Gefahr sei ein Phlegma, eine gleichgültige Müdigkeit, die sich ausbreitet, warnt Jaeschke. „Mehr als ein Jahr fehlt unserer Stadt die Luft zum Atmen“, macht er deutlich. Jede Chance sei zu ergreifen, um wieder etwas Lebendigkeit und Zuversicht zu spüren. „Bei mir ist das Glas immer halbvoll“, sagt er und ruft alle Mitbürger auf, aktiv die Möglichkeiten, die das Modell bietet, zu nutzen.

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