23. Juli 2022
Buntes

Alles wächst und gedeiht – in Annes Garten

Sümeyra Günaydin folgt mit ihrem kleinen Laden grünen (Familien-)Pfaden

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Braunschweig. Januar und Februar 2022 waren nach der langen Corona-Durststrecke vielleicht die schlimmsten Monate seit Beginn der Pandemie. Viele Geschäftsleute erinnern sich mit Schaudern an Umsatzzahlen, die im tiefsten Keller vor sich hindümpelten. Und Sümeyra Günaydin? Die macht keinen Laden zu, sondern einen auf. Ihren ersten. Klein und fein. Ohne nennenswertes Startkapital, aber mit Schwung und Zuversicht. Und was soll man sagen? „Es läuft gut.“

Dass „Urban Gardening“ sich zum Trendthema entwickelt hat, schadet bestimmt nicht. Entscheidend aber ist es nicht. „Das mit den Pflanzen hätte ich so oder so gemacht“, sagt Sümeyra. Im Rückblick war ihr Weg vorgezeichnet. Nur, dass der rote Faden der Orientierung bei ihr grün ist. Kein Wunder, die Frauen, die ihr am wichtigsten sind, führen ein Leben, in dem Pflanzen eine bestimmende Rolle spielen. „Unser Balkon war immer der schönste“, erinnert sich Sümeyra. Immer mit Zwiebeln und Tomaten und ganz vielen Blüten. Und erst das Wohnzimmer. Ein grüner Dschungel.

Chilis, Tomaten, Blumen: Grüne Mitbringsel in Sümeyra Günaydins Pflanzenkindergarten im Frühjahr.

Sümeyras Mutter nahm gewissermaßen den Gedanken des „Guerilla Gardenings“ vorweg. Im Gewerbegebiet, wo ihr Sohn einen Handwerksbetrieb führt, adoptierte sie einen vernachlässigten Grünstreifen und legte auf ihm ein Beet mit Tomaten und Sonnenblumen an. Beides gedieh und war der Hingucker in dieser eher zweckmäßigen Umgebung. Es waren die besten Tomaten und schönsten Sonnenblumen, die da in praller Son-ne zu Höchstform aufliefen. Wenn Sümeyra einen weiteren Schritt in der Generationenfolge zurückgeht, dann steht sie im Schrebergarten ihrer Großmutter.

Wie die Mutter und die Großmutter

Auch die ist eine Gärtnerin durch und durch. Eine, die gar nicht anders kann, als Paprika und Tomaten, Bohnen und Salat, Zwiebeln und Chilis anzubauen. Auch jetzt noch – mit mehr als 80 Jahren. Sie beackert einen Selbstversorgergarten wie er im Buche steht. 100 Quadratmeter mit lauter Gemüse und Ernten, die sprachlos machen. Sümeyra hat auch dazu Bilder im Kopf. Zum Beispiel wie ihre Großmutter breitwürfig Tomaten in einer Kiste aussät, so wie andere Salat. Oder wie ihre Großmutter – ein Pflanzholz in der Hand – entschlossen Löcher in die Erde gräbt, eine Jungpflanze hineinsteckt und das Ganze mit kraftvollen und gezielten Bewegungen zuschiebt und verdichtet. „Ich könnte das so gar nicht, ich wäre viel vorsichtiger“, sagt Sümeyra. Sie sieht im Garten der Großmutter Mangoldsamen auf einem Tuch in der Sonne trocknen, sieht die Gläser selbst eingekochter Tomatensauce im Keller. Die richtige Fruchtfolge, wann was wie gepflanzt und gepflegt werden muss, ihre Großmutter weiß das alles, ohne darüber nachzudenken. Einfach nur bewundernswert.

Abbaubare Blumentöpfe oder besondere Samen: Wer in der Stadt gärtnert, findet hier alles, was er oder sie braucht.

„Anne“ heißt Mutter

Die Hochachtung und Liebe, die sie diesen beiden gärtnernden Frauen in ihrer Familie entgegenbringt, haben ihrem Laden in der Gördelinger Straße den Namen gegeben: „Annes Garten.“ Die Frage, wer Anne ist, ist leicht zu beantworten. Das Wort Anne sei im Türkischen gleichbedeutend mit dem Wort Mutter, erläutert Sümeyra Günaydin. In einer modernen Interpretation führt sie nun in ihrem Laden die Leidenschaft ihrer Mutter und Großmutter fort, ohne sie zu kopieren. Hier wächst gerade etwas Neues: Ästhetik und Nachhaltigkeit gehen in dem, was es hier zu kaufen gibt, eine Verbindung ein. Bei der Warenauswahl stehen Ressourcenschonung und Klimaschutz, Schönheit und Qualität in ausgewogenem Verhältnis. Bio-Saatgut, kompostier-bare Pflanztöpfe, Bokashi-Eimer zur Kompostbereitung, Keimsprossensaat, Pflanztaschen oder Gartenwerkzeug – alles ist sorgsam darauf abgestimmt. „Dabei haben mich Klimaschutz und Nachhaltigkeit vorher eigentlich nie interessiert“, räumt Sümeyra Günaydin freimütig ein. Bevor sie 2021 ihren Online-Shop und 2022 ihren Laden eröffnete, studierte sie Kommunikationsdesign und im zweiten Fach Biologie. In namhaften Grafikbüros war sie nach dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste als Freelancerin tätig, arbeitete zwei Jahre in Amsterdam. Die Wetterextreme dort mit häufigen und starken Regenfällen sowie ein engagierter Mentor brachten das Thema Klimaschutz mit all seinen Facetten bis hin zur Ernährung in ihr Leben. Dort ist es jetzt fest verwurzelt. Fragen wie die Begrünung von Städten, die Schwammstadt, die trotz ihrer Pflasterflächen Wasser speichern kann, statt abzusaufen, beschäftigten sie seit damals in Amsterdam.

Neuanfang ohne Plan B

Denn trotz Talents und Erfolgen – glücklich war sie als Kommunikationsdesignerin in einer Agentur nicht. „Es war schrecklich, einfach nur schrecklich!“ So viel Druck, so viele Arbeitsstunden, so viel Egomanie um sie herum und keine Luft zum Atmen. „Ich wusste nur, das muss sich ändern und es muss in eine grüne Richtung gehen“, sagt Sümeyra. Zunächst reduzierte sie ihre Arbeitsstunden und als das immer noch nicht reichte, schmiss sie ihre Stelle hin, kündigte. „Ohne einen richtigen Plan B.“ Der ist dann gewachsen, nicht von allein, aber ohne Drängeln und Drücken. Ihre Balkonkisten, in denen sie zunächst nur auf der Fensterbank Mangold, Radieschen und Salat zog, die hat sie noch heute.

Und sie hofft, dass das Umdenken kommt. Sie freut sich über all die Menschen, die in ihren Laden kommen, die noch nicht alles wissen, aber alles lernen wollen. Was pflanze ich auf einen schattigen Balkon? Wie ziehe ich Tomaten vor? Sümeyra freut sich selbst ebenfalls über Anregungen und Gedanken von außen. Mit ihrem Laden und der Nachbarschaft hat sie es gut getroffen. Alles wächst und gedeiht in – Annes Garten.

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