23. Mai 2015
Kulturelles

Auf Besonnenheit folgt Eruption

Serdar Somuncu begeistert die Fans mit seinem Programm „H2 Universe – Die Machtergreifung“

Serdar Somuncu bei – „Gott und Prophet in Personalunion“ bei seiner „Messe“ in der Stadthalle. Foto: André Pause

Von André Pause, 23.05.2015.

Braunschweig. Serdar Somuncu tut gut. Nicht etwa, weil der Entertainer in den gut zwei Stunden seines Programms „H2 Universe – Die Machtergreifung“ gleich serienweise nicht Zitierfähiges herausfeuert, sondern weil er eine grundehrliche Haut ist. Jemand, der sich Gedanken macht, warum die Welt schlecht eingerichtet ist, jemand, der seine Rückschlüsse inklusive dem daraus resultierenden wohl berechtigten Unmut Robin Hood mäßig an die richtigen Adressaten richtet: an uns alle „intoleranten Ex-Nazis“.

Bei seinem Auftritt in der Braunschweiger Stadthalle möchte Somuncu den Schlüssel ins Schloss der Political Correctness stecken und nachschauen, wo und wenn ja wie viel Nazi in uns steckt. In der im Stil einer Gebrauchsanweisung zelebrierten Einführung stellt er sicherheitshalber gleich einmal klar, dass er sich auf der Bühne durchaus in einer Rolle befinde: „Ich bin nicht so, ich spiele das nur.“ Da hat er getreu seinem Motto „Jede Minderheit hat ein Recht auf persönliche Beleidigung“ freilich schon die ersten pauschalen Invektiven rausgehauen. Gegen Ossis, Schwule, Braunschweiger und Wolfsburger. Im Falle Rostocks – „Solidaritätsbeitragsabwurfgebiet“ – sei schon die Anfahrt eine Qual, aber auch „Wolfsburger und Braunschweiger sind beide gleich scheiße – für Leute, die aus Hannover sind.“ Man müsse eben abwarten, bis die Pointe kommt.

Somuncus Performance exakt zu kategorisieren ist schwierig. Zu viele Grausamkeiten müssen wohl geschehen sein, als dass der Künstler die Schubladen Comedy oder Kabarett selbst noch akzeptieren kann. Er bezeichnet den Abend lieber als Messe und positioniert sich augenzwinkernd als Gott und Prophet in Personalunion, als „Hassist“, der den Spieß vor Jahren einfach mal umgedreht, die in einigen Fällen reale Opferrolle gegen die des Täters im Gewand des Agent Provocateur mit explizitem Ausdrucksvermögen getauscht hat.

Comedy an sich – und das ist einer der zahlreichen Momente, in denen Somuncu mit seiner Rolle spürbar bei sich selbst ist – sei ihm zu belanglos. „Da muss man nur noch sein Haar schütteln, das reicht dann schon“, piekst er gegen den zwangslustigen Bühnenkollegen Bülent Ceylan. Auch Mario Barth und „Dieter Nuhr, FDP-Clown und Satiregipfel-Gegenteil“ bekommen in diesem Zusammenhang verdientermaßen ihr Fett weg.

Das Wechselspiel aus Besonnenheit und fäkaler Eruption beherrscht Somuncu meisterhaft. Jedem Unterschreiten der Gürtellinie folgt quasi die blitzsauber argumentierte und vorgetragene Einkreisung des jeweiligen Problems sowie seiner Folgen – und umgekehrt. Die Scheinheiligkeit der Charlie-Hebdo-Profilbildwechsler, die Widerwärtigkeit der NSU-Protagonisten oder die der DSDS-Juroren nimmt er ebenso aufs Korn, wie die hiesige Verlogenheit beim Thema Willkommenskultur, das bequeme Einnisten in einer Welt im Spannungsfeld von Exhibitionismus und Voyeurismus oder das modegewordene Parteiergreifen zum Selbstzweck. Das alles und noch viel mehr ist ihm zuwider. Und das zeigt er. Sehr sympathisch, ein Mann mit Gewissen! Die Zuschauer sind begeistert.

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