Auf Streife: „Bei uns ist kein Tag wie der andere“ | Neue Braunschweiger
8. Dezember 2019
Bildung

Auf Streife: „Bei uns ist kein Tag wie der andere“

Louisa Vergien ist seit einem Jahr Polizistin im Heidberg und sorgt für Recht und Ordnung – mit Leidenschaft

Beruf Polizist: Louisa Vergien im Polizeikommissariat Heidberg.  Fotos (5): Birgit Wiefel

Heidberg. Zugegeben: Einen Architekturpreis würde die Wache neben der Auffahrt zur A 36 vermutlich nicht gewinnen: Graues Linoleum auf dem Boden, schmucklose Fenster, minimalistische Schreibtische.

Für Louisa Vergien ist sie trotzdem der schönste Arbeitsplatz der Welt. „Wichtig ist, dass in unsere Ausrüstung investiert wird“, sagt die 23-Jährige fest.

„Tatort“? Pure Unterhaltung!

Die Polizeistation im Heidberg gehört mit den Wachen in der Südstadt und in Rüningen zum Polizeikommissariat Süd und erinnert eher an Eifelkrimi als an den „Tatort“, aber was das Bild betrifft, das die zahllosen Krimiserien über ihren Beruf verbreiten, dazu hat Louisa Vergien, seit Oktober 2018 als Streifenpolizistin im Einsatz, ihre ganz eigene Ansicht: „Pure Unterhaltung.“

Seit 6.30 Uhr ist die junge Frau heute im Dienst. Frühschicht. Die endet um 14 Uhr. Was bis dahin passiert, lässt sich nicht voraussagen. „Bei der Polizei ist kein Tag wie der andere“, erzählt Louisa, das blonde Haar hochgesteckt, bei einem Kaffee im Pausenraum.

Wer denkt, dass Polizisten nur spektakuläre Einsätze fahren, irrt: Auch Schreibtischarbeit gehört dazu.

An diesem Vormittag ist es eher ruhig. Zeit, um auch mal ein Einsatzfahrzeug in die Werkstatt zu fahren, Protokolle zu schreiben. Doch schon eine Minute später kann es heißen: Einsatz. „Dann geht der Adrenalinspiegel hoch“, sagt Louisa mit glänzenden Augen und es ist klar: Es ist genau dieser Moment, den sie an ihrem Beruf so liebt und für den sie auch den Schichtdienst in Kauf nimmt.

Diebstahl, Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt – das sind die Delikte, mit denen die Beamtin tagtäglich zu tun hat. Jede dieser Situationen kann eskalieren und gefährlich werden. „Gerade, wenn man eine Privatwohnung betritt, ist höchste Vorsicht geboten. Als Polizist kennst du die Örtlichkeiten nicht, der Bewohner schon. Und der kann auch schnell mal ein Messer aus der Schublade holen.“

Der Streifendienst ist meist der Einstieg in den Polizeiberuf, doch wer möchte kann sich danach spezialisieren – zum Beispiel für die Wasserschutzpolizei, die Reiterstaffel oder das LKA.

Eigensicherung steht an oberster Stelle für einen Polizisten. Insbesondere, wenn es – wie es aktuell häufiger passiert – zu Übergriffen oder Attacken auf die eigene Person kommt. „Meist sind da Alkohol oder Drogen im Spiel“, ordnet Louisa das enthemmte Verhalten ein.

Ihr Job ist es zu deeskalieren, die Situation unter Kontrolle, das oder die Opfer außer Gefahr zu bringen. Hundertmal werden diese Situationen in der Ausbildung trainiert und theoretisch durchgesprochen. „Die Stimme ist ganz wichtig“, sagt Louisa über eine der stärksten Waffen der Polizei. Sie muss entschieden wirken und keine Diskussion mehr zulassen. Kein Job für schüchterne Mäuschen. „Das musst du mitbringen, das lernst du nicht alleine durch die Ausbildung“, nickt Louisa, die wie alle ein dreijähriges Studium an der Polizeiakademie absolviert hat.

Waffe, Pfefferspray, Handschellen und schusssichere Weste: Die Ausrüstung wiegt an die zehn Kilo.

Und noch etwas muss ein Polizist – neben einem tiefen Rechtsempfinden – mitbringen: Fitness. Zehn Kilo wiegt die Ausrüstung, die ein Beamter am Körper trägt. Neben der schusssicheren Weste sind das unter anderem Handschellen, ein Pfefferspray, eine Schusswaffe und ein Teleskopschlagstock. Damit muss er (oder sie) im Ernstfall lossprinten oder Treppenstufen hochhechten. Regelmäßiges Training gehört zum Beruf dazu.

Der Klassiker: Das Funkgerät. Die Polizei nutzt aber längst auch moderne Medien wie Twitter.

„Zwischen Frauen und Männern wird dabei kein Unterschied gemacht“, sagt Louisa. Alle seien gleich gefordert. Muss eine Frau in diesem harten Job nicht trotzdem noch das berühmte Quäntchen mehr mitbringen? „Nicht zwangsläufig. Wir sind voll anerkannt“, kann Louisa bestätigen. Mehr noch. Bei der Polizei hat man längst erkannt, dass eine Streife, die aus einem Mann und einer Frau besteht, deutlich positiver aufgenommen wird, als eine gleichgeschlechtliche Kombination. „Der Mann bringt die Größe mit, wir die Begabung zum Gespräch“, lächelt Louisa. Unter der Uniform, sagt sie, steckt am Ende immer noch der Mensch, „der mitfühlen kann.“

Ausbildung: 

Voraussetzungen: Der Einstieg in den Polizeiberuf erfolgt über ein dreijähriges Bachelor-Studium an der Polizeiakademie Niedersachsen. Voraussetzung dafür sind das Abitur oder die Fachhochschulreife, die an einer Fachoberschule für Wirtschaft und Verwaltung abgelegt wird. Vor der Aufnahme auf die Polizeiakademie steht unter anderem ein computergestützter Einstellungstest, eine Sportprüfung und eine polizeiärztliche Untersuchung.

Dauer: Das Studium dauert drei Jahre. Die Polizeiakademie hat Standorte in Oldenburg, Nienburg und Hannoversch Münden.

Vergütung: Die Polizei Niedersachsen zahlt im ersten Jahr des Studiums 1135 Euro netto monatlich. Im zweiten Dienstjahr kommt eine Polizeizulage von 64 Euro hinzu, die im dritten Jahr auf 127 Euro im Monat ansteigt. Nach dem Studium verdient ein Polizeikommissar ungefähr 2264 Euro netto.
Obendrauf kommen zahlreiche Zulagen wie Feiertagszuschläge oder Schichtzuschläge.
Die Ausbildung: Das Studium ist breit aufgestellt und umschließt Lerninhalte aus den Bereichen Rechts- und Sozialwissenschaften, Kriminalistik, Kriminologie, Verkehrsrecht sowie Einsatz- und Organisationslehre.
Aufgrund der körperlichen Herausforderungen, die der Polizeidienst mit sich bringt, ist eine gute Fitness das A und O. Deshalb werden im Studium sowohl Ausdauer und Kraft, aber auch Abwehr- und Zugriffstechniken und der Umgang mit den polizeilichen Führungs- und Einsatzmitteln trainiert.

Besonderheiten: Obwohl der erste Schritt in den polizeilichen Dienst meist in den Einsatz- oder Streifendienst führt, gibt es viele Aufstiegs- und Spezialisierungsmöglichkeiten zum Beispiel für einen Dienst bei der Wasserschutzpolizei, der Reiterstaffel oder beim LKA. Mit einem Masterstudium hat man die Möglichkeit, sich für das 2. Einstiegsamt der Laufbahngruppe 2 (ehemals höherer Dienst) zu qualifizieren. Den Beamtenstatus behalten Polizisten ihr Leben lang.

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