Auf Weltreise ohne Limit

Rolf Lange bereiste 17 Monate lang fünf Kontinente, 42 Länder und fuhr 65.266 Kilometer – am 19. Oktober berichtet er davon im Forum Medienhaus

Aussteigen, losfahren, entdecken. Das hat Rolf Lange getan. 15 Jahre lang arbeitete er erfolgreich in der Kommunikationsbranche, gab seinem Leben dann eine völlig neue Richtung. Seine “Weltenreise” (über die er auch ein gleichnamiges Buch geschrieben hat) hat ihn stark verändert. Über seinen radikalen Aufbruch, unerwartete Begegnungen mit Menschen und Tiere sowie seine Rückkehr nach Hause (nach 17 Monaten) berichtet er in seinem Live-Vortrag am 19. Oktober, 11 Uhr, im Forum Medienhaus, Hintern Brüdern 23. Die NB unterhielt sich vorab mit ihm.

Herr Lange, Sie haben 15 Jahre lang in der Werbebranche gearbeitet. Warum haben Sie Ihren gut bezahlten Job aufgegeben um auf eine Reise zu gehen bzw. zu fahren?

Ich habe 2010 den Motorrad-Führerschein gemacht und dann den Urlaub auf zwei Rädern für mich entdeckt. Vorher sahen meine Urlaube eher spießig aus, Pauschalreisen und ähnliches – definitiv keine Abenteuer. Aber von da an war ich im Urlaub immer unterwegs, jeden Tag woanders. Ich plante nicht bis in Detail, ich ließ mich mehr überraschen. Dazu die Freiheit auf dem Motorrad. All das hatte mich richtig angesteckt.

Sie haben zudem ihre Wohnung gekündigt, ihren Besitz verkauft und verschenkt. Warum gleich so ein radikaler Schritt anstatt nur eine kleine Flucht?

Bei den Urlaubs-Roadtrips fing ich bereits bei der Hälfte an, nur noch die Tage hinunterzuzählen, bis ich wieder zu Hause sein würde. Ich war mit dem Kopf schon wieder am Ende der Reise, obwohl ich noch unterwegs war. Ich wollte mehr. Ich suchte also nach einer Möglichkeit, die relativ schnell vorrübergehenden Urlaubs-Roadtrips zu verlängern, z.B. durch ein Sabbatical. Doch auch hier zweifelte ich schnell, ob diese immer noch limitierte Freiheit reichen würde. Bis ich mir schließlich die Frage stellte: „Was ist die beste Reise, die ich machen kann?“, und mir die Antwort selbst gab: „Die beste Reise ist die, von der du nicht weißt, wann du wiederkommst.“ Die Idee der Weltreise ohne Limit war geboren.

Mit welchen Gefühlen sind Sie gestartet und welche Gefühle hatten Sie auf Ihrer Reise?

Ich war in den Wochen vor dem Start sehr nervös und angespannt. Ich war kurz davor, mein gewohntes Umfeld, meine Komfortzone radikal zu verlassen. Und da ich vorher kein abenteuerliches, sondern eher spießiges Leben führte, hatte ich keine Übung darin. Ich hatte die Befürchtung, mich übernommen zu haben. Das Erstaunlichste war, dass die Nervosität sofort nach den ersten Metern beim Losfahren in München verschwand. Ab dann war alles ein Flow, und ich ließ mich voll auf die große Reise ein. Der Mut, den ersten Schritt zu machen und sich ganz allein darauf zu konzentrieren, hatte sich ausgezahlt.

Was war Ihr Reiseplan und wie haben Sie diesen umgesetzt?

Von München aus immer nach Osten durch Asien bis nach Singapur und dann nach Neuseeland. Dann Südamerika, Afrika und wieder zurück nach Europa. Allerdings war die Route nicht detailliert geplant, es ging ja darum, sich immer wieder neu zu entscheiden und sich dabei auch von Einheimischen inspirieren zu lassen.

Sie haben in 17 Monaten 42 Länder auf 5 Kontinenten bereist und durchquert. Welche Länder haben Sie am meisten beeindruckt und warum?

Es gibt so viele Länder, die mich positiv überrascht und beeindruckt haben – es fällt schwer, eine Auswahl zu treffen. Besonders erwähnenswert ist sicherlich der Iran mit der grenzenlosen Gastfreundschaft seiner Einwohner: Jeden Tag wurde ich eingeladen: Zum Tee, zum Essen oder zum Übernachten. Und auch Ruanda hat mich beeindruckt: Das Land hat mein Bild, welches vor allem durch den Völkermord 1994 geprägt war, komplett ins Positive gedreht. Die Menschen in Ruanda sind freundlich, sehr organisiert und auch umweltfreundlich: Z.B. sind Plastiktüten seit vielen Jahren verboten.

Was waren die größten Widrig- und Schwierigkeiten die Sie bewältigen mussten?

Zum einem der massive Verkehr in Indien, bei dem nur das Recht des Stärkeren gilt. Aber auch die Einsamkeit, die mich in der Wüste Namibias übermannt hat. Es dauerte, bis ich lernte, damit umzugehen.

Wie verliefen die Begegnungen mit den Menschen in den verschiedenen Ländern?

Ich bin nach hunderten Begegnungen auf der ganzen Welt überzeugt: Wann immer sich zwei fremde Menschen ohne Hintergedanken begegnen, geht es menschlich zu. Ein paar Beispiele: Als ich nach einer langen und herausfordernden Fahrt erschöpft in einem Dorf in Paraguay ankam, organisierten mir zwei Militäroffiziere eine Unterkunft. Als ich in Kirgistan einen Schafhirten fragte, wo ich zelten kann, lud er mich für die Nacht in seine Jurte ein und ich wurde bekocht. Als mich in Bolivien jemand bestehlen wollte, kamen mir andere Einheimische zu Hilfe und schickten den Dieb fort. Ich könnte das ewig fortsetzen. Die Begegnungen mit den Menschen waren mit Abstand die bedeutendsten Erfahrungen meiner Reise, und sie haben Grundeinstellungen wie Toleranz und Offenheit nachhaltig gefestigt. Zwar möchte ich nicht behaupten, dass es keine bösen Menschen auf dieser Welt gibt. Aber es ist schwer, sie zu finden.

Wie verliefen die Begegnungen mit den Tieren in den verschiedenen Ländern?

Bedrohliche Situationen gab es nie, aber es gibt zwei Begegnungen mit Tieren, die sich mir stark eingeprägt haben: Die Berggorillas in Ruanda. Diesen den Menschen so ähnlichen Tieren so nah zu sein, hat mir stundenlange Gänsehaut bereitet. Es schien, als könnte ich direkt mit ihnen kommunizieren. Zudem hat mich ein privater Ausflug ins Okavango-Delta in Botsuana sehr beeindruckt. Ich war dort zwei Tage mit einem Buschmann unterwegs, nur mit einem kleinen Einbaum und zu Fuß. Ich konnte dort eine Vielzahl an Tieren wie Elefanten, Giraffen, Zebras und Gnus stundenlang in ihrem natürlichen Habitat beobachten, ohne dass sie von Touristenmassen oder Jägern bedrängt oder provoziert wurden. Seit diesen Erlebnissen möchte ich nicht mehr in den Zoo gehen – es wirkt zu unnatürlich auf mich.

Ist die Welt wirklich so, wie wir diese täglich medial auf allen Kanälen erleben?

Nein, definitiv nicht. Die Nachrichten berichten von den Krisen, den Dramen, den Themen, die Schlagzeilen machen. Das liegt in der Natur des Geschäftsmodells. Doch das ist nur 1 % der Wahrheit. Unsere Welt erschien mir in den 17 Monaten meiner Reise als überaus friedlicher, neugieriger, offener und gastfreundlicher Ort. Wir leben in einer wunderschönen Welt.

 

Wie hat die Reise Sie persönlich verändert?

Ich bin gelassener. Ich gehe viel positiver an Dinge heran, auch an unbekannte Situationen. Ich bin zuversichtlicher, habe mehr Vertrauen in Menschen. Ich nehme mir mehr Zeit für Dinge, die mir wichtig sind. Und: Materielles hat stark an Bedeutung verloren. Ich habe 17 Monate mit dem gelebt, was auf ein Motorrad passt. Mir hat dabei kaum etwas gefehlt.

„Der Sinn des Reisens ist, an ein Ziel zu kommen, der Sinn des Wanderns, unterwegs zu sein”, lautet ein Zitat von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten. Was war das Ziel, der Sinn Ihrer Reise?

Anfangs ging es darum, möglichst frei zu sein, keine Termine zu haben, selbstbestimmt zu entscheiden, was morgen passiert. Je länger ich aber unterwegs war ging es darum, mir mein eigenes Bild von der Welt zu formen, ein Bild abseits der täglichen Nachrichten. Ein unverfälschtes, selbstgemachtes Bild. Und es ist sehr positiv geworden.

Und noch ein Zitat: „Reisen können, ist eine der schwierigsten Künste. Eigentlich müsste man es im Hauptberuf betreiben”, behauptete der Historiker Walter Nissen. Hat er recht?

Es hat bei mir Monate gedauert, zu realisieren, welche Freiheiten ich habe. Es dauerte lange, bis ich typische Marotten westlicher Gesellschaften wie z.B. Produktivität ein wenig ablegte. Ich brauchte viel Zeit, um wirklich offen und unvoreingenommen auf fremde Menschen zuzugehen. Ja, das Zitat ist richtig: Um zu verstehen, was Reisen Wunderbares für einen bedeuten kann, braucht es viel Zeit.

Würden Sie solch eine anstrengende Reise noch einmal machen?

Ja, absolut.

Wie verlief Ihre Rückkehr und wie schwierig war es in ein normales Leben in Deutschland zurückzukehren?

Ich war selbst sehr gespannt darauf, wie ich mich wieder ins „normale“ Leben einfinden würde, aber es lief ganz reibungslos. Der Trick war, mir für den Einstieg in einen geregelten Beruf Zeit zu lassen. Ich nahm mir viel Zeit für Reflexion, um mein Tagebuch zu lesen und meine Fotos durchzusehen. Und um meinen Vortrag auszuarbeiten. Als es dann mit dem Ernst des Lebens wieder losging, hatte ich wieder richtig Lust, zu arbeiten.

Wie steht Deutschland im Vergleich mit vielen Ländern der Erde da, die Sie bereist haben?

Deutschland ist sehr wohlhabend, zudem haben wir haben eine hervorragende Infrastruktur, von den Straßen bis hin zur Gesundheitsversorgung. Vielleicht sind wir Deutschen deswegen ein wenig verschlossener als andere Kulturen: Weil wir glauben, so viel beschützen zu müssen.

Ihr Tipp für Weltentdecker?

Sich Zeit nehmen und ungeplante Dinge zulassen. Nicht alles minutiös durchplanen, sondern viel Raum für wahrhaftige Überraschungen lassen. Die besten Erlebnisse im Leben sie die, die man nicht planen oder kaufen kann.

Ihr Tipp für Extremreisende?

Ich sehe mich nicht als Extremreisenden, weil es viele Menschen gibt, die weitaus gefährlichere oder abenteuerlichere Reisen gemacht haben. Das ist auch okay, aber ich habe für mich mitgenommen: Es ist kein Rennen. Es geht nicht darum, sich mit anderen zu vergleichen, anderen etwas zu beweisen. Bei der Art von Reisen, die ich mache, geht es vor allem um einen selbst.

Ihr Tipp für Entspannungsreisende?

Nichts macht einen gelassener und zufriedener, als ab und an die eigene Komfortzone zu verlassen. Etwas zu tun, vor dem man Respekt oder vielleicht sogar ein bisschen Angst hat. Zum Beispiel in Länder zu reisen, die man nicht in Betracht gezogen hat. Fremde Menschen direkt anzusprechen und nach Hilfe zu fragen. An Orten zu verweilen, an denen auf den ersten Blick eben nicht alles perfekt ist. Man wächst dann über sich hinaus und kommt entspannter in seine eigene Komfortzone zurück.

Welche kurz- und langfristigen Reisepläne haben Sie?

Ich bin gerade von einer Motorradtour durch Schottland wiedergekommen, also habe ich erstmal keine kurzfristigen Reisepläne. Langfristig gesehen wird es sicherlich wieder eine nächste, große Reise geben.

Was wollen Sie in Ihrem Vortrag am 19.10.2019 im BZV Medienhaus in Braunschweig vermitteln?

Mein Vortrag ist kein chronologischer Reisebericht und richtet sich nicht nur an Motorradfahrer. Ich erzähle von acht prägenden Erlebnissen auf fünf Kontinenten, z.B. aus dem Iran, aus Kirgistan, aus Ruanda oder aus Tansania. Und sie haben meistens mit Begegnungen fremder Menschen zu tun. Aus diesen Erlebnissen leite ich acht Erkenntnisse für das Leben daheim ab: Acht Eigenschaften, die man „einpacken“ sollte, wenn man seine Komfortzone im Großen wie auch im Kleinen verlässt.

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