„Aufstieg hat mir Entschluss zurückzutreten erleichtert“ | Neue Braunschweiger
24. Juli 2020
Sport

„Aufstieg hat mir Entschluss zurückzutreten erleichtert“

Der scheidende Eintracht-Präsident Sebastian Ebel blickt im NB-Interview auf seine lange Amtszeit zurück

Nach dem Spiel gegen Mannheim feiert Sebastian Ebel mit dem Aufstiegsshirt mit der Aufschrift: Am Ende kackt die Ente, Aufstieg 2020.  Foto: Joachim Sielskiimago images

Braunschweig. Als Sebastian Ebel im Dezember 2007 zum Eintracht-Präsidenten gewählt wurde, stand Eintracht sowohl sportlich als auch finanziell vor dem Kollaps. Anschließend schrieben die Löwen eine beispiellose Erfolgsgeschichte und konnten 2013 sogar die Bundesligarückkehr feiern. Nach fast 13-jähriger Amtszeit verabschiedet sich der 57-Jährige nun mit dem Zweitligaaufstieg und blickt auf bewegte Jahre zurück.

Herr Ebel, mit dem Zweitligaaufstieg findet Ihre Amtszeit einen spektakulären Abschluss. Was hat Sie bewogen, nun zurückzutreten?

Ich hatte fast 13 sehr intensive Jahre. Man vergisst schnell, wie die Situation am Anfang meiner Präsidentschaft war. Die letzten drei Jahre seit der unglücklich verlorenen Relegation gegen den VfL Wolfsburg waren dann nochmal sehr herausfordernd. Jetzt, wo wir wieder eine gute Perspektive haben, wollte ich mich zurückziehen, um auch ein wenig mehr Privatleben zu haben.

Wie haben Sie den Moment des Aufstiegs nach dem Heimspiel gegen Mannheim erlebt?

Das Bild der Mannschaft auf dem Rasen und der gemeinsame Blick auf die Videowand; dann der Torjubel beim Ausgleichstor der Bayern, einfach unbeschreiblich. Viele Emotionen, viel Freude, Dankbarkeit und Tränen. Der Aufstieg hat mir meinen Entschluss zurückzutreten erleichtert.

Sicherlich auch deshalb, weil eine zweijährige „Achterbahnfahrt“ vorausgegangen war…

Na klar, zumal sich gezeigt hat, dass es auch gut sein kann, den Verantwortlichen die nötige Zeit und Ruhe zum Arbeiten zu geben.

Wie haben Sie die abgelaufene, ereignisreiche Spielzeit erlebt?

Ein absolutes Wellenbad der Gefühle! Der tolle Start, dann ein Einbruch, der zum Trainerwechsel führte, dann erneut eine schwere Zeit und schließlich die Corona-Pause mit einer phänomenalen Zeit danach. Dann das Spiel gegen Waldhof…

Welches war für Sie ein „Moment der Saison“, der Ihnen in Erinnerung bleiben wird?

Der Jubel nach dem Ausgleich des FC Bayern in der Nachspielzeit und beim anschließenden Schlusspfiff.

Der Trainerwechsel von Marco Antwerpen zu Daniel Meyer zog ein gemischtes Stimmungsbild im Umfeld nach sich. Was zeichnet den neuen Coach aus?

Marco ist unser Aufstiegstrainer, dafür dürfen wir ihm danken. Daniel Meyer hat jetzt die Chance nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig eine Mannschaft zu formen. Dafür bringt er sehr viel mit, außerdem bin mir sicher, dass er hohe Kommunikationsfähigkeiten besitzt. Diese sind gerade in einem Traditionsverein sehr wichtig.

Welches waren die schönsten, welches die schwierigsten Momente Ihrer Amtszeit?

Natürlich waren alle Aufstiege toll. Am meisten wird mir jedoch die Last-Minute-Qualifikation für die 3. Liga am Anfang meiner Amtszeit im Mai 2008 in Erinnerung bleiben; ein überragender Moment. Der Abstieg in Kiel war total bitter. Ich musste erleben, dass das woran ich glaubte, sich nicht erfüllte.

Welche Spieler oder Personen aus dem Vereinsumfeld haben Sie während Ihrer Amtszeit nachhaltig beeindruckt?

Ich glaube, Domi Kumbela. Er hatte eine bewegte Vergangenheit hinter sich, bevor er nach Braunschweig kam. Durch die einen oder anderen gemeinsamen Erlebnisse ist ein enger Kontakt entstanden. Er hat sich nach meinem Rücktritt auch nochmal persönlich gemeldet, das war sehr schön und wertschätzend.

Was nehmen Sie persönlich aus den vergangenen Jahren bei Eintracht mit?

Zum einen durfte ich lernen, mit dem intensiven Stress umzugehen und öffentliche Kritik zu akzeptieren. Zum anderen habe ich erfahren dürfen, wer mich wohlwollend begleitete und wer auf einmal „weg“ war oder sogar Drohungen aussprach.

Welche Eigenschaften sollte man als Eintracht-Präsident mitbringen?

Ich glaube, es ist sehr wichtig, unabhängig zu sein, eine eigene Meinung zu haben und zu dieser zu stehen. Es gibt so viele Wünsche und Forderungen… Außerdem würde ich empfehlen, einen engen Kontakt zu unseren Fans und deren Vertretungen zu halten. Immer wenn der enge Kontakt da war, lief es besser.

Was hat Corona aus Ihrer Sicht verändert?

Auf einmal standen andere Werte im Vordergrund, zum Beispiel zu schützen und zu helfen. Ich denke mit Dankbarkeit an die sozialen Eintracht- Projekte unserer Fans.

Welche Herausforderungen sehen Sie künftig auf den Verein zukommen? Was ist nötig um Eintracht sportlich und finanziell wieder in ruhigerem Fahrwasser zu etablieren?

Die Voraussetzungen sind gut, jetzt gilt es sie mit Leben zu füllen. Wenn ich mir die jüngsten Neuverpflichtungen anschaue und das gute Miteinander zwischen Wolfram Benz, Peter Vollmann und Daniel Meyer sehe, bin ich sehr zuversichtlich. Am allerwichtigsten ist, die traditionellen Eintracht-Werte zu leben. Ich freue mich bereits darauf, die Entwicklung der Eintracht von außen mit großem Wohlwollen zu begleiten.

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