Ausbildung nur aus der Ferne | Neue Braunschweiger
7. Juni 2020
Bildung

Ausbildung nur aus der Ferne

Arbeitspakete, Telefonate und E-Learning prägen den Berufsbildungsbereich der Lebenshilfe

Ausbilderin Dagmar Nakonz sortiert Lernmaterialien für den Postversand. Mit kreativen Ideen und viel telefonischem Kontakt lernen die Azubis der Lebenshilfe zurzeit auch mit individuell zusammengestellten Arbeitspaketen. Foto: Elke Franzen/oh

Braunschweig. Die Schulen öffnen erst langsam wieder, studiert wird nur noch zu Hause am PC und auch die Ausbildung im Berufsbildungsbereich der Lebenshilfe läuft derzeit anders ab. Zweimal wöchentlich werden Lernpakete verschickt. Dazu gibt es individuelles Lernen und gemeinsames Arbeiten am Computer, Stichwort „E-Learning“. Auch Videokonferenzen sind möglich. Und die Angebote kommen bei den Teilnehmenden gut an.

Die Anwesenheit im Berufsbildungsbereich ist derzeit stark eingeschränkt und in der Regel nicht möglich. So erfolgte Ende März die Umstellung vom Präsenz- zum Fernunterricht. Dazu wird telefonisch Kontakt gehalten. Und das hilft vielen Teilnehmern dabei, den Alltag in Corona-Zeiten besser zu meistern.

So auch Sabine Stöhr, die mit Schließung der Werkstätten ihre Zeit frei einteilen musste: „Das war zu Anfang ein wenig schwierig, weil ich zunächst einmal gar keine Lust hatte, irgendetwas zu tun. Ich genoss meine freie Zeit wie einen Urlaub, aber dieser ‘Urlaub’ hörte irgendwie gar nicht mehr auf. Da kam ich durcheinander mit meinen Essens- und Schlafzeiten. Das hat mich unausgeglichen gemacht.“ Der Entschluss, das Heft wieder selbst in die Hand zu nehmen, folgte umgehend. „Eine gute Hilfe“, so Sabine Stöhr, „waren dabei die Aufgaben, die die Mitarbeiter von der Lebenshilfe uns geschickt haben, weil ich da wieder Pflichten zu erledigen hatte.“

Die Arbeitspakete umfassen Aufgaben zu Deutsch und Mathematik. „Ich nutze die Zeit, damit ich lerne, besser Deutsch zu schreiben und zu lesen“, schrieb etwa Julia Semeniuk, die ihre Ausbildung in der Hauswirtschaft absolviert. Ferner sind in den Arbeitspaketen Aufgaben zur Entwicklung einer Tagesstruktur, zur Führung eines eigenen Haushalts und Hinweise zu Sport und Bewegung enthalten. Zeitschriften mit Texten in leichter Sprache sorgen für Information und Unterhaltung. Aber auch fachliche Aspekte werden berücksichtigt. So gibt es etwa spezielle Aufgaben zum Thema Arbeitssicherheit, zu Arbeiten in der Hauswirtschaft oder im Handwerk. EDV-Training steht für Auszubildende im Büro auf dem Programm.

Für den Personenkreis der Menschen mit psychischen Erkrankungen liegt der Schwerpunkt in der Tagesstruktur, wo die Betroffenen ihre Pläne erarbeiten und dem Fachpersonal im Bildungszentrum schildern sowie auf Wunsch einen Austausch mit dem psychologischen Dienst pflegen. Ferner ist die Teilnahme an einem Online-Tool zur Überwindung leichterer Formen der Depression möglich.
Nach Bearbeitung werden die Aufgaben im Berufsbildungsbereich kontrolliert. Rückmeldungen werden vorbereitet und per Mail oder Telefon gegeben. Beim E-Learning werden die Aufgaben fast taggleich mit den Lernenden besprochen. Kreative Aspekte werden nicht vernachlässigt. So schrieb Familie Dabkevich, dass ihr Sohn Alexander seine künstlerische Seite entdeckt und bei den Arbeitspaketen viel Spaß beim Kolorieren von Bildern habe.

Außerordentlich dankbar sei man, so Abteilungsleiter Frank Rogalski, für die große Unterstützung, die Eltern, Angehörige, Betreuer und das Fachpersonal in Wohnstätten den Teilnehmern im Berufsbildungsbereich zukommen ließen. „Da werden die Arbeitspakete dann zu Hause gemeinsam bearbeitet“, berichtet Sandra Roggisch, Sozialdienst im Berufsbildungsbereich. In Telefonaten tausche man sich mit dem Team der Lebenshilfe über die Tagesabläufe sowie die Stimmung aus.
Auch das Sportangebot kommt gut an. Angeregt durch die Übungen im Arbeitspaket, macht Lebenshilfe-Auszubildende Wiebke Behrens zum Beispiel nun gemeinsam mit ihrer Mutter Gymnastik und Übungen zur Kräftigung von Bauch und Rücken. „Durch die große Gemeinschaft“, so Abteilungsleiter Rogalski, „hoffen wir, den so wichtigen Teil des Lernens nicht zu vernachlässigen und die Krise ein wenig erträglicher zu machen.“ Die Rückmeldungen seien schon mal fast ausnahmslos positiv, was auch sein Team immer wieder aufs Neue motiviere.

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