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Basketball-Partys in der rappelvollen Alten Waage

55 Jahre NB: Im Jahr 1978 wurde die SG Braunschweig gegründet – und zehn Jahre später mischte die Mannschaft schon in der Bundesliga mit

Während Harald Stein (l.) zum Nationalspieler reifte, übte Bruder Lothar (r.) das Traineramt bei der SG aus. Archivfoto: Taylor

Braunschweig. Die Eintracht-Fußballer sind nicht die einzige Mannschaft, die die Sportfans der Löwenstadt seit Jahrzehnten in ihren Bann zieht. Seit Ende der achtziger Jahre können auch die Basketballer, die ursprünglich als SG Braunschweig an den Start gingen, auf ein treues, fachkundiges, aber durchaus auch mal kritisches Publikum zählen.

Mit NBA-Star Dennis Schröder kann die Stadt heute auf ein Aushängeschild verweisen, das auf der ganzen Welt bekannt ist. Was viele nicht wissen: Schon ein halbes Jahrhundert vor dem flinken Aufbauspieler – und drei Jahre vor dem Erscheinen der ersten Ausgabe der NB – schnürte der erste gebürtige Braunschweiger seine Basketball-Schuhe für die deutsche Nationalmannschaft. Ulrich Everling, der seit 1951 beim Post SV in der ersten organisierten Basketball-Mannschaft der Stadt aktiv war, trug den Bundesadler 1961 in einer Partie gegen Luxemburg. Bis zu seinem Tod im April 2018 war der Sport-Allrounder und langjährige NB-Mitarbeiter dem Basketball eng verbunden.
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Als gleichermaßen fähiger Punktesammler und Spielgestalter wurde Scooter Barry zur SG-Legende. Foto: oh

Der eigentliche Grundstein für die Basketball-Feste, die heute auf Bundesliga-Niveau in der VW-Halle gefeiert werden, wurde allerdings erst anno 1978 gelegt. Damals schlossen sich die Abteilungen von Freie Turner und MTV Braunschweig zur SG zusammen. Fünf Jahre später gelang einer jungen und hungrigen Truppe, trainiert von Eckhard Stein, der Aufstieg in die Landesliga. Bis 1985 marschierte die SG über die Oberliga bis in die Regionalliga durch.
„Damals kam die Idee auf, dass wir es schaffen müssen, diese Truppe zusammenzuhalten“, erinnert sich der damalige Geschäftsführer Reinhard Koch. Wichtigster Stützpfeiler der talentierten Mannschaft war Trainersohn Harald Stein, der später zu sechs Einsätzen im Nationalteam kam.

Nach dem Aufstieg der SG in in die 2. Bundesliga Nord im Jahre 1987 wurde auf Anhieb ein respektabler sechster Platz erreicht. Da der ASC Göttingen sich aus dem Oberhaus zurückzog und andere Zweitligisten von ihrem Recht nachzurücken keinen Gebrauch machten, ergriff die SG ihre Chance und meldete für die 1. Bundesliga. „Wir wussten alle, dass wir sportlich keine Chance haben“, denkt Koch an die Regionalauswahl ohne einen einzigen Ausländer zurück.
Doch obwohl die SG in ihrer Bundesliga-Premierensaison 1988/1989 nicht ein einziges Spiel gewinnen konnte, war die Begeisterung in der mit mehr als 1000 Zuschauern stets überfüllten Sporthalle Alte Waage groß. „Nur verloren, doch unter dem Strich bleibt Positives“, titelte Ralph-Herbert Meyer damals in der Braunschweiger Zeitung. Der Samen für die bis heute anhaltende Basketball-Begeisterung war ausgesät.

Statt des erhofften Wiederaufstiegs sollte es zwei Jahre dauern, bis die SG wieder in der Eliteklasse ankam. In der Saison 1990/1991, als mit dem tschechischen Nationalspieler Stefan Svitek erstmals ein ausländischer Profi im Team stand, glückte aber nicht nur der Aufstieg als Zweitliga-Meister, sondern auch der Einzug ins Pokalfinale, wo Bayer Leverkusen dem ambitionierten Zweitligisten allerdings seine Grenzen aufzeigte.

In der zweiten Erstliga-Saison (1991/1992) schaffte die SG unter Trainer Lothar Stein schließlich erstmals den Klassenerhalt. Zu dem Kern aus den deutschen Nationalspielern Harald Stein und Christian Bembenek sowie Svitek hatte sich mit Aufbauspieler Scooter Barry auch der erste US-Import gesellt. Der Sohn von NBA-Legende Rick Barry absolvierte insgesamt drei Spielzeiten in Braunschweig und genießt heute Legendenstatus in der Löwenstadt.

Im Sommer 1992 – dem Jahr, in dem auch der langjährige Co-Trainer und spätere „Entdecker“ von Dennis Schröder, Liviu Calin, bei der SG einstieg – übernahm der Spediteur Richard Hartwig den Klub. Mit dem Letten Igor Miglinieks, der 1988 mit der Sowjetunion Olympisches Gold gewonnen hatte, holte Hartwig den ersten echten Star an die Oker. „Bei Igor sind wir finanziell an die absolute Grenze gegangen“, rekapitulierte der Manager später. Doch es lohnte sich: Im Frühjahr 1993 erreichte die SG erstmals die Bundesliga-Playoffs, wo in der ersten Runde gegen Bamberg aber Endstation war (0:2).

In sicherem Fahrwasser waren Braunschweigs Basketballer nach dem ersten Playoff-Einzug 1993 allerdings keineswegs. Stattdessen ging es schon im folgenden Jahr wieder bergab – und zurück in die 2. Bundesliga. Zwar wurde der direkte Wiederaufstieg in der Saison 1995/1996 erneut verpasst – und zwar deutlich, denn es ging in die Abstiegsrunde – doch Klubboss Richard Hartwig kaufte nach der verkorksten Spielzeit die Erstliga-Lizenz der TuS Bramsche.
Die Braunschweiger waren also wieder im Oberhaus – und blieben es ohne Unterbrechung bis heute. Von der SG von einst ist im Jahr 2019 allerdings nicht mehr viel zu spüren, in den 23 Jahren professionalisier

ten sich die Strukturen deutlich. Am augenscheinlichsten ist dies an der Hallensituation zu bemerken. Die Alte Waage, die eigentlich schon in den ­80er-Jahren zu klein für Braunschweigs Basketball-Fans geworden war, wurde im Sommer 2000 schließlich verlassen. Doch die Anhänger fremdelten zunächst mit der weitläufigen Volkswagenhalle – und einige tun das bis heute.

Dennoch kann man zweifellos sagen, dass mit dem Umzug in die mehr als 6000 Zuschauer fassende Mehrzweckhalle eine neue Ära begann. Der Start verlief allerdings mehr als holprig. Nachdem der neue Haupt- und Namenssponsor Metabox in die Krise geriet und schon im November 2000 keine Spielergehälter mehr zahlen konnte, sprangen regionale Unternehmen und der Stadtsportbund als neue Gesellschafter ein. Unter Ken Scalabroni, dem letzten von insgesamt fünf Trainern in einer denkwürdigen Saison, schafften NBA-Champion John Celestand, Flugkünstler Robert Conley und Co. mit begeisterndem Showtime-Basketball als Sechster gar den Einzug in die Playoffs.

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre prägten Spieler wie Nationalcenter Oliver Braun, Punktemaschine Mike Jackel oder auch der heutige NBA-Cheftrainer Kenny Atkinson (Brooklyn Nets) die ­SG-Mannschaften. Zweimal in Folge, 1997 und 1998, wurden unter Trainer Bill Magarity die Playoffs erreicht. Doch die neue Ära brachte auch neue Helden hervor.
Nach Celestand und Conley schlüpfte Demond Mallet in diese Rolle. Von 2001 bis 2004 machte der US-Combo-Guard und zweimalige Braunschweiger Sportler des Jahres den Verein – gemeinsam mit dem Bosnier Gordan Firic – vom Abstiegskandidaten zum Playoff-Team, das auch international spielte. Im Frühjahr 2003 verpasst das Scalabroni-Team in fünf Spielen gegen Alba Berlin nur haarscharf die Finalteilnahme. Nie zuvor oder danach war ein Braunschweiger Team so erfolgreich. „Es hat von Anfang an alles gepasst“, erinnerte sich Scalabroni an die Saison, in der pro Spiel 5133 Fans in die VW-Halle kamen.

Die größte Konstante der VW-Hallen-Ära war die ständige Veränderung. Das fing beim Klubnamen an: Aus Metabox (2000) wurde Stadtsport (2001 bis 2002), dann TXU (2002/2003), schließlich wurde BS-Energy Namenssponsor (ab 2003), ehe die New Yorker Phantoms geboren wurden. Doch bei aller Abwechslung abseits des Feldes und personell: Sportlich wurde zwischen 2004 und 2009, unter den Coaches Scalabroni, Henrik Dettmann und Emir Mutapcic eher Magerkost geboten. 2006 stand am Ende mit nur sieben Siegen gar der Abstieg, der nur wegen einer Liga-Aufstockung und dank einer Wildcard verhindert wurde. Die Playoffs wurden erst unter Trainer-Rookie Sebastian Machowski, den Sportdirektor Oliver Braun 2009 verpflichtete, wieder erreicht. Dann aber sogar dreimal in Folge – ein Novum in Braunschweig. 2011 wurde mit Euroleague-Champion Marcus Goree zudem das Pokalfinale in Bamberg erreicht, das gegen den Meister und Gastgeber mit 66:69 nur hauchdünn verloren wurde.

Unter den Trainern Kostas Flevarakis (2012/2013) und Raoul Korner (2013 bis 2016) war für die Braunschweiger – seit 2014 als Basketball Löwen unterwegs – meistens wieder Abstiegskampf angesagt. In die Meisterrunde schaffte es erst wieder Ex-Bundestrainer Frank Menz 2019 – mit seinem kongenialen Duo Scott Eatherton und DeAndre Lansdowne.

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