Bei Vollmond: Angst!

Kolumne von Andreas Döring - Folge 5

Andreas Döring

Das war auf Atiu im Südpazifik. Eine der Cook-Inseln. Geformt wie ein Fisch, sagen die Einheimischen. So wie Tahiti eine Schildkröte ist. Atiu liegt abseits der Touristenrouten, also war ich als einer, der gleich drei Wochen blieb, doppelt exotisch. Zwei Deutsche betreiben dort Kaffeeplantage und Textilwerkstatt und hatten mir ihr denkbar einfaches Ferienhaus ein Dorf weiter angeboten. Ich hatte angefangen, mich mit alten polynesischen Traditionen zu beschäftigen, mit Animismus, Schamanentum, Tabus und dem Mana, der spirituellen Kraft, die allem innewohnt und die es zu sammeln und zu beherrschen gilt.

Einigen Ariki war ich schon begegnet: Häuptlingen verschiedenster Hierarchiestufen – und hatte intuitiv bemerkt, dass sie schon einiges an Mana gesammelt haben mussten. Einer von ihnen hatte mir erzählt, dass ich mich vor dem Mond in Acht nehmen sollte: als Europäer sei ich es sicher nicht gewöhnt, all den Geistern zu begegnen, die sich in der Nacht vor Vollmond genüsslich draußen tummeln – denn genau dann haben sie in der Atmosphäre den meisten Platz. Schwachsinn, hab ich natürlich gedacht als aufrechter vernünftiger Journalist. Zumal mich der Mond auch so schon, rein physikalisch, ungeheuer faszinierte: auf so einer stockfinsteren Insel ohne Straßenbeleuchtung weit draußen im Meer taucht er alles in ein fast gleißendes Licht. Taghell, aber unwirklich. Überzeichnet. Endlich kann ich mit dem Wort fahl etwas anfangen.

 

Angstfrei: Touristen-Mummenschanz in Polynesien. Foto: Döring/oh

 

Und natürlich ging ich raus, die Straße runter, weg vom Dorf… Keine dreißig Schritte und ich rannte ins Haus zurück! Beklemmung, Angst, Ohrensausen, mein Herz sprengte förmlich meine Arterien. Am nächsten Morgen hielt der Häuptling mit seinem alten Toyota vor meiner Unterkunft. Ich war beim Frühstück. Er hatte natürlich genau gewusst, dass ich seine Warnung ignorieren würde. „Na, wie wars?“ – „So bald nicht wieder!“ Er lachte. „Ist normal!“ Ich glaube nach wie vor nicht an Geister und trau mich bei Vollmond auch wieder raus – zumindest in mir vertrauten Gefilden – aber seither bin ich sicher, dass diese westlich-vernünftige Sicht auf die Welt nur ein Konstrukt neben vielen anderen ist.

Wer Anregungen oder Fragen zu der Kolumne hat, der Autor freut sich: „Andreas Döring“ dottoredoering@web.de

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