Belgische Zivilisten gleich zweimal Opfer in Roselies 1914 | Neue Braunschweiger
22. September 2015
Politisches

Belgische Zivilisten gleich zweimal Opfer in Roselies 1914

Der Historiker Ole Zimmermann stellte seine Forschungsergebnisse über Kriegsverbrechen vor.

Die Roselies-Schlacht in einer zeitgenössischen Darstellung. Das heroisierende Bild des Kriegs- und Schlachtenmalers Elmar von Eschwege wurde bereits 1914 veröffentlicht. Foto: oh

Von Christoph Matthies

Braunschweig, 22.09.2015. Das Thema Roselies bewegt die Löwenstadt schon seit geraumer Zeit. Besonders im Jahr 2014 – hundert Jahre nach den Ereignissen im August 1914 – wurde heftig darüber debattiert, inwiefern das Braunschweiger Infanterieregiment 92 an Kriegsverbrechen in der belgischen Ortschaft beteiligt war. Vor dem Kulturausschuss stellte Ole Zimmermann, Mitarbeiter des Landesmuseums, die Ergebnisse seines Historikerteams vor.

Zu Beginn wies Zimmermann darauf hin, dass die Quellenlage zum Thema dünn, die Ergebnisse mit Vorsicht und als vorläufig zu betrachten seien. Aus den vier Quellen, allesamt Tagebücher, und allgemeineren Darstellungen zum Kriegsverlauf gelang es dem Historiker aber doch, ein plastisches Bild der Ereignisse vor, während und nach der Schlacht um Roselies zu zeichnen.
Wer vom Team des Landesmuseums sensationelle Enthüllungen erwartet hatte, wurde vielleicht enttäuscht. Dennoch brachte Zimmermann mit seinen Ausführungen einiges Licht ins Dunkel. So habe die angeordnete Erschießung von zwei französischen Soldaten und vierzehn belgischen Bürgern (von denen vier überlebt hätten) durch das Braunschweiger Regiment tatsächlich stattgefunden – wenn auch nicht in Roselies, sondern in dem benachbarten Ort Tergnée. „Für diese Erschießungen haben wir noch keine nachvollziehbare Logik erkennen können“, so der Historiker. Das Motiv Vergeltung liege aber zumindest nahe.

Zuvor seien diese Zivilisten bereits von deutschen Truppen als Geiseln genommen und als menschliche Schutzschilde missbraucht worden. Sie wären also gleich zweimal Opfer von Kriegsverbrechen geworden, zunächst vom Infanterieregiment 91, dann vom Braunschweiger Infanterieregiment 92.*
Nicht bestätigen konnte Zimmermann dagegen eine andere Behauptung deutscher Gräueltaten: „Wir können aus keiner Quelle oder Darstellung entnehmen, dass belgische Zivilisten in brennende Häuser getrieben oder am Verlassen brennender Häuser gehindert wurden.“ Im Gegenteil, die Bevölkerung von Roselies sei aus militärstrategischen Gründen evakuiert und vertrieben worden. Richtig sei , dass Häuser angezündet wurden. Auch seien von deutschen Soldaten bei der Flucht aus dem Ort zwei weitere belgische Zivilisten erschossen worden.

Das Vorhaben, die Ereignisse in Roselies möglichst detailliert nachzuzeichnen, ist dem Team des Landesmuseums gelungen. Eine eklatante Neubewertung der damaligen Ereignisse brachte es nicht. „Für mich ist der Text auf der Roselies-Gedenktafel dadurch nicht unrichtiger geworden“, sagte etwa Kulturdezernentin Anja Hesse, die den beteiligten Historikern für ihre Präzision ausdrücklichen Dank aussprach.

*Zunächst war an dieser Stelle fälschlicherweise zu lesen, dass die französische Armee die Zivilisten als Geiseln genommen hätte. Diese Darstellung haben wir korrigiert.

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