Besuch beim Leuchtturmwärter

Kolumne von Lutz Tantow: In 80 Zeilen über´s Meer

Der Leuchtturm von Palagruza. Foto: Lutz Tantow

Es war morgens um sieben, wir waren nachts in Kroatien gestartet und in den Sonnenaufgang hinein gesegelt, romantisch und anstrengend zugleich, weil die Müdigkeit in uns aufstieg, je mehr sich die Sonne über dem Horizont erhob. Schon vor einer Stunde war das kleine Felseiland vor unserem Bug in Blick geraten, jetzt waren wir da und funkten den einzigen Bewohner an. Die Position, die der Leuchtturmwärter durchgab, passte mit unseren Vorstellungen überein.

Palagruza liegt genau in der Mitte der Adria zwischen Kroatien und Italien, auf 42°23‘ Nord und 016°15‘ Ost. Klar zum Landgang. „Maximal zwei Stunden“, verkündete der Kapitän, er wollte nicht zu spät in Italien ankommen. Hinauf zum Leuchtturm waren es mehr als 200 Höhenmeter. Die Aberhunderte von Möwen, die hier rumsaßen, spielten ganz plötzlich verrückt, kreischten auf, attackierten die Treppensteiger, die um sich schlugen und aufpassen mussten, nicht abzurutschen.

Lutz Tantow spinnt. Zumindest an dieser Stelle. Der promovierte Literaturwissenschaflter liebt das Reisen – vor allem auf dem Meer – und serviert in der NB in loser Folge Seemannsgarn und wahre Geschichten. Für Rückfragen, Hinweise oder Anmerkungen: tantow-lutz@t-online.de

 

Als der Ausblick ins schier unendliche Blau immer faszinierender wurde, erklang Musik. Jemand spielte Geige und es klang wie La Paloma. So begrüße er seine Gäste immer, wenn sich schon mal jemand hierher verirre. Der Leuchtturmwärter hieß Volomir und war selbst auch zur See gefahren. Von oben hatte man eine einzigartige Aussicht über die Adria in ihrer vollen Breite: Im Nordosten sah man die kroatische Küste mit ihren vorgelagerten Inseln Vis und Lastovo. Im Südwesten die italienische Halbinsel Gargano, den sogenannten Sporn am Stiefel. „Wollt ihr das Geheimnis des gelben Anstrichs kennenlernen?“

Die Crew sah sich verwundert an. Was meinte er mit gelb? Die Gebäude wirkten wie mausgrau. „Früher war der Turm knallgelb, wegen der besseren Sichtbarkeit, heute riechen es wohl nur noch die Möwen“, erklärte Volomir. Der gelbe Anstrich sei das Produkt von mindestens 100 000 Vogeleiern, die man den Tieren stibitzte und daraus Farbe anrührte. Manchmal, so glaubte Volomir, hätten die Vögel ein generationenübergreifendes Gedächtnis und versuchen sich an den Menschen zu rächen, die ihnen ihre Brut nahmen. „Ihr wisst aber schon, dass mancher Leuchtturmwärter dazu neigt, Seemannsgarn zu spinnen“, wandte der Skipper ein, als die Crew wieder auf dem Boot war, man den Anker gelichtet und Fahrt aufgenommen hatte. Möglich immerhin, dass er der Crew die Hucke voll gelogen hatte, dieser Volomir. Denn seit der Automatisierung des Leuchtfeuers Palagruza Island von 2008 gibt es offiziell gar keinen Leuchtturmwärter mehr auf dieser Insel.

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