Betriebsstörung über den Wolken | Neue Braunschweiger
1. März 2020
Menschen

Betriebsstörung über den Wolken

In 80 Zeilen um die Welt - VOL. II Folge 9

Hin & zurück! Der blaue Nil 80 Meter darunter. Döring

Im Flieger war das, einem 34-Sitzer der Air Rarotonga auf der Strecke von Atiu zurück zur Hauptinsel der Cook Islands. Die Maschine proppevoll, große Gepäckstücke auch im Gang, neben mir ein Dreizentner-Mann, der förmlich in meinen Sitz rüber quoll.

Erste Anzeichen von Unwohlsein – zu voll, zu eng. Na gut, schaust du halt raus, draußen ist die Weite des Meers und… nee, denkste. Ganz plötzlich waren wir in Schlechtwetter geraten, Regen knallte gegen die Scheiben, ich sah nichts. Und das war der Urknall einer Angststörung, die mich länger als zehn Jahre beschäftigt hat. Ich hatte eine Panikattacke, wollte schreien: „ANHALTEN!“, Schweißausbruch, Zittern, das ganze Menü. Geistesgegenwärtig bat ich meinen Sitznachbarn, mit mir zu reden – nur Ablenken, dachte ich. Und der hatte nach einem Blick in meine Augen begriffen, was zu tun war und erzählte mir ohne Pause seine kompletten Familienverhältnisse.

Der Flug dauerte 45 Minuten, er hatte bei der Landung noch nicht die Ebene seiner Nichten und Neffen erreicht. Ich war ihm dankbar, hatte mich ein wenig beruhigt. Eine Freundin holte mich am Flughafen Rarotonga ab, eine Schweizer Künstlerin, die dort lebte. Auch nach dem Flug war ich also ausreichend abgelenkt.

Mit ihr (sie war therapieerfahren) ging ich durch, welchen Grund es geben könnte, dass mein Körper neuerdings diese Panik braucht – in diesem Stadium schon eine recht fortgeschrittene Frage. Ohne Befund. Ich hatte in der Südsee angefangen, mich mit Schamanismus und Animismus zu beschäftigen, dem Glauben, dass alle Dinge auf der Erde eine Seele haben, ich hatte einen Roman darüber begonnen und mir Personen mit magischen Kräften ausgedacht – vielleicht wollten sich die realen Leute rächen? Spuck nicht in unsere Suppe? Schmarrn.

Egal, warum, ich konnte fortan auch große Flieger nur unter geschickt getimten Drogen betreten, Fahrstühle und enge Räume gar nicht. Und leider kann man sich in vielen Hotels dieser Welt nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die liebend gern die Nottreppe in den zwölften Stock benutzen. Die aber leider oft versperrt oder gerade baufällig ist. Manches Hotel hat sogar für die Buchung eines Parterre-Zimmers mehr genommen. Dank der Psychotherapie-Ambulanz der TU Braunschweig bin ich wieder der Alte – na ja fast. Meisterprüfung: Andreaskirchturm und Fahrstuhl im Ring-Center. Meiner Therapeutin schicke ich immer wieder Bilder von brenzligen Situationen in aller Welt, in denen ich ohne Betriebsstörung war. Anbei die jüngste vom Wasserfall des blauen Nils in Äthiopien.

Der Braunschweiger Autor, Erzähler und Journalist Dr. Andreas Döring erzählt in seinen Kolumnen von seinen Reisen rund um die Welt. Foto: oh

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