„Bitte sprechen Sie langsam!“ | Neue Braunschweiger
22. April 2014
Aktiv

„Bitte sprechen Sie langsam!“

Barcelona lockt mit einem entspannten, lockeren Lebensstil: Ein Reisebericht.

Nachts in Barcelona: Polizeiwagen patrouillieren durch die Straßen. Schon seit Wochen wird nicht nur in Barcelona, sondern in verschiedenen Städten des Landes gegen die Sparpolitik der Regierung und die sozialen Missstände demonstriert. Fotos: Drescher

Von Falk-Martin Drescher, 23.04.2014.

Barcelona. „Could you speak slowly, please?“ Bislang habe ich bei meinen Reisen noch nie erlebt, dass mich jemand bittet, langsamer Englisch zu sprechen. Auf die euphorischen Ausführungen etwa von Australiern konnte ich meist nur mit großen, fragenden Augen und einem „Sorry?“ reagieren. Dieses Mal war es umgekehrt.

Ein klein bisschen stolz machte mich das schon. Am Telefon war Marta, die Eigentümerin des Hostels, in dem ich in Barcelona für einige Tage einkehrte. Ihr Englisch war nicht besonders gut, jedoch deutlich besser als das der anderen Mitarbeiter, denn die sprachen nur Spanisch.

Raum für Raum ging Marta mit mir ab, zeigte auf die wichtigsten Utensilien und bestätigte ihre Ausführungen mit einem „O. K. ?“. Nächster Raum. Das Hostel lag in einem ruhigen Viertel in der Mitte von Barcelona und – wie ich später feststellte – in einiger Entfernung zu allen im Reiseführer angegebenen Sehenswürdigkeiten. Doch das war kein Drama, im Gegenteil: Es lud dazu ein, die Stadt mit all ihren Facetten zu Fuß zu erkunden – bis die Füße schmerzten. Als richtiger Tourist machte ich natürlich erst einmal Fotos und lernte schnell: Ein Foto, bei dem nicht mindestens einer der unzähligen Roller in der Stadt durchs Bild fährt, ist kein echtes Foto aus Barcelona.

Und nicht nur das fiel mir auf: Eine Eigenheit der Katalanen ist es auch, dass sie unglaublich schnell sprechen (deutlich schneller als ich selbst), und dabei einen genussvollen, entspannten und lockeren Lebensstil pflegen. Das fällt schon bei Kleinigkeiten auf: Rotleuchtende Ampeln bedeuten keineswegs ein kategorisches „Stopp“, sondern sind eher ein Vorschlag: „Du könntest jetzt bei Rot stehen bleiben, musst du aber nicht.“ Tat eigentlich auch fast niemand, mit Ausnahme von mir und den anderen Touristen, die gerade erst in Barcelona angekommen waren. Als ich einmal an der roten Ampel einer mittelmäßig befahrenen Straße hielt, überholten mich rechts zwei Jugendliche. Sie blickten sich auf ihrem weiteren Weg einige Male um und unterhielten sich lächelnd. Vermutlich ist der Dialog ungefähr so ausgefallen: „Schau dir diesen Trottel an, der bleibt echt bei Rot stehen.“ – „Oh Mann, der kann nur ein Tourist sein. Und wie seine Kamera schon um den Hals hängt …“

Doch die Tage boten noch andere Momente. Als ich am zweiten Abend vom Hafen zum Hostel zurückwollte, traf ich auf Straßensperren, Hunderte Polizisten, vermummte Demonstranten und zerstörte Banken. Ein lokaler Journalist erklärte mir: Bereits seit Wochen wird in etlichen Städten Spaniens gegen die Sparpolitik des Landes demonstriert, so auch in Barcelona.
Gründe für die Proteste sei vor allem die prekäre wirtschaftliche Lage: Jeder Vierte sei arbeitslos. Noch immer leide das Land unter den Folgen der geplatzten Immobilienblase. Das Sparprogramm würde die Situation für viele Menschen noch weiter verschärfen. Auch das ist Spanien.

Insgesamt zeigte sich Barcelona als wahnsinnig eindrucksvolle Stadt mit faszinierender Architektur (Antoni Gaudi war ein Genie!), inspirierenden Momentaufnahmen und aufgeschlossenen Menschen.
Als mir am letzten Tag vor dem Hostel ein Paketdienst eine Lieferung in Hand drücken wollte und schon den Stift für die Unterschrift bereithielt, dachte ich mir: Vielleicht bin ich sogar ein bisschen hier angekommen.

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