Boland: "Eine tolle Lebenserfahrung" | Neue Braunschweiger
28. März 2020
Sport

Boland: „Eine tolle Lebenserfahrung“

Ex-Eintracht-Profi über seine Zeit in Australien - Kommende Saison im Lübecker Trikot

Im Februar noch auf dem Platz: Mirko Boland (r.) mit seinem Team Adelaide United gegen Mirza Muratovic von Brisbane Roar FC. Foto: Dan Peledimago images

Mirko Boland spielte von 2009 bis 2018 für Eintracht und erarbeitete sich in über 300 Erst- Zweit- und Drittligaspielen Legendenstatus bei der Blau-Gelben Anhängerschaft.
Nach dem Abstieg in die dritte Liga wurde sein Vertrag nicht verlängert, stattdessen wagte er mit seiner Frau Natalie ein großes Abenteuer und wechselte in die australische A-League zu Adelaide United.
Nach zwei Spielzeiten an der australischen Südküste steht im Sommer die Rückkehr nach Deutschland an, wo er künftig für den VfB Lübeck auflaufen wird. nB-Mitarbeiter Elmar von Cramon sprach mit dem 32-Jährigen
über seine Zeit in „Down Under“, die Corona-Krise und seine schönsten Spiele im Eintracht-Trikot.

Herr Boland, seit kurzem ruht der Ball aufgrund der Corona-Krise auch in Australien. Wie gehen
Sie mit der Situation um und wie sieht Ihr Tagesablauf aktuell aus?

Seit Wochenbeginn haben sich die Dinge drastisch geändert, die Liga hat beschlossen ,den
Spielbetrieb auszusetzen, mittlerweile sind auch Restaurants und Cafés geschlossen oder
bieten nur noch Take-Away an. Für die Vereine bedeutet das Ganze einen großen Einschnitt,
weil die TV-Gelder eine wichtige Einnahmequelle darstellen. Aktuell kann man hier nicht viel
machen, mit meiner Frau Natalie spiele ich ab und zu Tennis oder gehe in der Umgebung
wandern. Mich ärgert es aber schon wenn ich sehe wie manche Leute trotz allem fröhlich in
Gruppen zusammensitzen. Zu Hause kümmere ich mich vor allem um mein
Fußballmanagement-Studium.

Wie sehen sie die Spielstärke der Liga in Australien und welches sind die größten Unterschiede
zum Fußball in Europa oder Deutschland im speziellen?

Ich denke, das Niveau ist zwischen zweiter und dritter Liga, tue mich aber schwer das Ganze losgelöst von den Bedingungen einzuordnen. Man ist zu fast jedem Auswärtsspiel über tausend Kilometer mit
dem Flugzeug unterwegs, unser „kürzestes“ Auswärtsspiel gegen Melbourne City FC ist zum
Beispiel 780 Kilometer entfernt. Es gibt unterschiedliche Zeitzonen, mit Wellington Phoenix ist
sogar ein Team aus Neuseeland dabei, oft steht nach einem langen Flug noch eine
mehrstündige Busfahrt an. Auch die klimatischen Bedingungen sind unterschiedlich und
manchmal schwierig; ein Spiel bei 40 Grad und trockener Luft in Adelaide ist genauso
unangenehm wie eins in Brisbane bei 28 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Durch diese Faktoren
kann es passieren, dass die Spieler schon vor Anpfiff gewissen Belastungen ausgesetzt sind,
die sich auf das Spieltempo auswirken. Aus Deutschland kennt man das von Spielen im
Hochsommer, in denen wegen der Hitze zusätzliche Pausen gemacht werden. Auch die
Platzbedingungen können überraschend sein, wenn vorher zum Beispiel Rugby im Stadion
gespielt wurde und der Platz entsprechend aussieht. Faktoren wie Trainingsbedingungen und
Qualität der medizinischen Versorgung unterscheiden sich nicht von denen in Deutschland,
auch wenn dort manches auf einem höheren Niveau stattfindet. Aktuell kämpfen wir um den
Einzug in die Playoffs, in denen zwischen den besten acht Teams der Meister ausgespielt wird.
Ich persönlich bin kein großer Fan von diesem Modus, da alles was man sich während der Saison erarbeitet hat an einem schlechten Tag in einem einzigen Spiel kaputt gehen kann.

Wie haben Sie Kultur und Mentalität der Australier wahrgenommen?

Für meine Frau Natalie und mich ist die Zeit hier eine tolle Lebenserfahrung. Die Menschen sind unglaublich freundlich,
hilfsbereit und können sich für einen freuen. Am Anfang kann einem das vielleicht komisch
vorkommen, kommt bei den Menschen aber wirklich von Herzen. Wir haben hier sehr gute
Freunde gefunden, und wurden von Ihnen zum Beispiel zu Weihnachten eingeladen, was in
Deutschland ja eher der Familie vorbehalten ist.

Was haben Sie am meisten bzw. am wenigsten vermisst und was ist der Grund wieder nach
Deutschland zurückzukehren?

Das Wetter hier ist im Gegensatz zu Deutschland ein Traum, außerdem leben wir mit Adelaide
in einer beeindruckenden Stadt, die wir im Gegensatz zu anderen australischen Städten wie
Sydney oder Melbourne schöner finden. Allerdings vermissen wird unsere Familien, Freunde
und unseren Hund. Deshalb haben wir uns entschieden wieder zurückzukehren, was hoffentlich bald
der Fall sein wird. Da müssen wir aufgrund der aktuellen Lage auch erst einmal abwarten.

Neben der Corona-Krise gab es zu Jahresbeginn mit den Buschbrände in Australien bereits
eine Naturkatastrophe? Wie sind Sie damit umgegangen und wie haben sie das Ganze erlebt?

Es waren die schlimmsten Brände, die es je gab. Auch wenn man die Auswirkungen bei uns in der
Stadt nicht so intensiv mitbekommen hat. Wir haben uns die Ausmaße des Feuers etwas
außerhalb von Adelaide angeschaut; die Landschaft war schwarz, viele Häuser verbrannt und
sogar die Leitplanken an den Straßen waren teilweise geschmolzen. Es berührt einen wenn
man realisiert dass dort Menschen gestorben sind, ihre Häuser verloren haben und auch die
Tierpopulation, wie die der Koalas, stark davon betroffen gewesen ist.

Sobald wie möglich wollen Sie beim Drittliga-Aufstiegskandidaten VfB Lübeck eine neue
Herausforderung angehen.Was gab den Ausschlag in die Hansestadt zu wechseln?

Timo Neumann aus dem Lübecker Aufsichtsrat hat sich bei mir gemeldet und danach erkundigt
wie meine fußballerischen Zukunftspläne aussehen. Wir hatten sehr gute Gespräche
in denen mir eine vielversprechende Zukunftsperspektive aufgezeichnet wurde. Das
Gesamtpaket hat gepasst, sodass ich mich zu einem relativ frühen Zeitpunkt für Lübeck
entschieden haben. Ich habe richtig Bock dort zu kicken und soll eine Führungsrolle einnehmen.
Der Verein hat nach vielen Rückschlägen jetzt einen tollen Weg eingeschlagen, der mich an meine Anfangszeit in Braunschweig erinnert.

Ihr Abschied aus Braunschweig nach dem Abstieg 2018 erfolgte nicht freiwillig. Wie hat sich die Situation damals angefühlt und gab es danach noch Gespräche mit den Verantwortlichen doch
noch mal das Eintracht-Trikot zu tragen?

Leider musste ich damals gehen obwohl ich gerne geblieben wäre. Ich habe seitdem viele
Nachrichten seitens der Fans aus Braunschweig bekommen, die sich eine Rückkehr gewünscht haben. Eintracht ist immer noch mein Herzensverein bei dem ich mich immer zu Hause gefühlt habe, aber seit meinem Abschied kam vom Verein nichts mehr. Dennoch drücke ich Eintracht nach wie vor die Daumen und schaue mir die Spiele so oft es geht im Fernsehen an.

Die Fussballwelt steht gerade still und wird im Anschluss an die Corona-Krise sicherlich mit
deren Auswirkungen zu kämpfen haben. Erwarten Sie grundlegende Änderungen wie zum
Beispiel die Einführung einer Gehaltsobergrenze?

Ich denke schon, dass es einen Riesen-Einschnitt bei den Spielergehältern
geben wird. Für viele Spieler deren Verträge auslaufen könnten Einbußen die Folge sein.
Sicherlich bin ich auch Fußballromantiker, im Bezug auf eine Obergrenze
aber zwiegespalten. Ich denke, dass es kurz- oder langfristig Änderungen geben wird,
aber wie diese aussehen, bleibt abzuwarten. Aktuell kann ja noch niemand einschätzen,
wie sich die Corona-Krise im vollen Ausmaß auf den Fußball auswirken wird.

Was wird Ihnen von Australien in besonderer Erinnerung bleiben ?

Sportlich sicherlich die beiden FFA-Cup-Pokalsiege, ansonsten die beeindruckenden, vielfältigen
Landschaften des ganzen Kontinents. Auch Adelaide als Stadt werde ich wegen ihrer Vielfalt
sicher in bester Erinnerung behalten, weil man innerhalb von 20 Minuten zum Strand oder in die
wilde Natur fahren kann. Außerdem gibt es hier den besten Kaffee, den ich je getrunken habe,
obwohl ich nie ein großer Kaffeefan gewesen bin (lacht).

Zum Schluss noch eine Frage zu Ihrer Zeit in Braunschweig. Welche Begegnungen im Eintracht-
Trikot sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Sicherlich der 3:0-Derbysieg gegen Hannover in der Bundesligasaison, weil man weiß, was es den Menschen in Braunschweig bedeutet hat. In ganz besonderer Erinnerung ist mir auch unser erster
Bundesligasieg in Wolfsburg geblieben. Es lief denkbar schlecht und zuvor hatten wir nur einen
einzigen Punkt geholt. Torsten Lieberknecht kam unter der Woche an unserem
Haupttrainingstag in die Kabine und sagte „Jungs heute ist kein Training“. Nachdem er Pizza und
Bier bestellt hatte, haben wir Beer Pong gespielt und am Wochenende 2:0 gegen den
haushohen Favoriten aus Wolfsburg gewonnen. Zusätzlich motiviert hat uns damals auch die Tatsache, dass wir von den VfL-Fans mit einem Plakat zum „Schnupperkurs Bundesliga“ begrüßt worden waren.

 

 

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