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Bratwurst, Nappos, Döner, Falafel – und Schlager satt

70 Jahre Silberquelle: Gertrud und Joachim Gorille sind die Gründer – Ihre Tochter Claudia erzählt die Geschichte der Kultkneipe

Die Silberquelle auf einer historischen Aufnahme. Foto: PrivatClaudia Gorille

Innenstadt. Dass es die Silberquelle gibt, ist den Blasen an den Füßen meiner Eltern, Gertrud und Joachim Gorille zu verdanken. Gleich nach Ende des Krieges flohen Gertrud (24) und Joachim (29) aus dem zerbombten Berlin, die Zukunft der Stadt schien ihnen ungewiss. Sie wollten nach Hamburg und sich dort eine neue Existenz aufbauen.

Mit einem Bollerwagen machten sie sich auf, darauf das wenige, verbliebene Hab und Gut. Die meisten Zuggleise waren zerstört und so mussten sie viele Kilometer auf Schusters Rappen zurücklegen.
In Braunschweig schmerzten ihnen nicht nur die Füße – sie wollten einige Wochen verschnaufen. Das Leben kostet Geld und so suchten sich die gelernte Stenotypistin und der Kaufmann Arbeit. Sie landeten beide in der Gastronomie und kellnerten. Eine Arbeit, die ihnen unerwarteterweise Spaß machte.

Außerdem erkannte Joachim Gorille: „Essen müssen die Menschen immer.“ Gertrud und Joachim Gorille fingen an zu sparen, kauften einen alten Bauwagen, bauten ihn zu einem Imbiss um, den sie am 1. November 1945 am Bunker gegenüber Braunschweigs Sackbahnhof eröffneten. Dieser Bauwagen war der Vorläufer der Silberquelle.
Die Thüringer Bratwurst aus dem Imbiss war ein großer Erfolg und auch die vielen anderen Snacks sorgten für gute Umsätze. Der Bauwagen war von früh morgens bis spät in die Nacht geöffnet.
1949 kauften Gertrud und Joachim Gorille das kleine Grundstück zwischen Bunker und Villa am Kalenwall und bauten einen Pavillon aus Leichtmetall. Joachim war ein pfiffiger Geschäftsmann und die Eröffnung am 4. Juni 1949 geriet zu einem kleinen Ereignis in der Stadt.

Dafür sorgte das ungewöhnliche Konzept: ein zehneckiger Pavillon aus einem hochmodernen Baustoff, eine ungewöhnliche Mischung aus Kiosk und Kneipe und dazu ein gelungener PR-Gag. Für den Namen des Pavillons lobte Joachim Gorille einen Wettbewerb aus, schaltete Anzeigen und die Braunschweiger Zeitung begleitete die Aktion mit großer Aufmerksamkeit. Die Silberquelle war Kiosk und Kneipe zugleich, auf nur 35 Quadratmetern.
Der Gastraum im hinteren Teil wurde Silberstube genannt. Vorn zu Straße (Kalenwall) hin, florierte das Kioskgeschäft. Die Wände des kleinen Raumes waren mit schmalen Regalbrettern versehen, weiß gestrichen, darauf Servietten, deren Ecken in den Raum hingen als Dekoration. Dazu dickbäuchige Bonbonnieren mit Lakritzschnecken, Salinos, Honigmuscheln, Nappos und Weingummitieren.

Vielen Braunschweigern ist der Kiosk aus der Kinderzeit ein Begriff. Um die Wartezeit auf den Bus zu versüßen, die Haltestelle war in unmittelbarer Nähe, kauften sich die Kinder für ein paar Groschen eine Tüte mit Süßigkeiten.
Der Kiosk war auch Lotto-Annahmestelle, es gab edle Zigarren und schmackhafte Fischbrötchen, den Matjes holte Joachim Gorille einige Zeit fangfrisch von der Küste. Und es gab immer Bratwurst und Schaschlikspieße.
Auch im Garten der Silberquelle war das Angebot umfangreich, Kaffee und selbst gebackene Kuchen standen auf der Speisekarte.

Gefertigt wurde alles in der winzigen Küche im Keller des Pavillons, ein Fahrstuhl sorgte für den schnellen Transport nach oben – er hatte eine Öffnung in der Thekenwand der Silberstube.
1959 eröffnete das Ehepaar Gorille in der Neuen Straße die zweite Silberquelle, heute Guidos Pizzeria. Die Silberquelle am Kalenwall wurde ab 1968 vermietet. Die Familie Dimitakoudis brachte zur Bratwurst den Dönerspieß ins Angebot, in den 80er Jahren übernahm Helga Abdel Sadik Kneipe und Kiosk, statt Döner gab es dann Falaffel.

Im Jahr 2001 renovierten und modernisierte ich gemeinsam mit meinem Ehemann Dr. Hans Joachim Fauter den Pavillon sowie die Kellerräume und wir machten aus dem geteilten Innenraum einen Gastraum. Verschiedene Pächter kamen und gingen. Seit November 2006 sorgen Kai Fahim und sein Team für gute Stimmung, und die Silberquelle ist wie einst eine Szenekneipe.

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