Braunschweig – hart umkämpft | Neue Braunschweiger
2. Oktober 2018
Kultur

Braunschweig – hart umkämpft

Ausstellung im Städtischen Museum erinnert an „Zerrissene Zeiten“ – 1918 und die Revolution

Putschversuch in Berlin: Die Soldaten sind zu allem entschlossen

Braunschweig. 8. November 1918: Machtwechsel im Braunschweiger Schloss, eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt ernst blickende Männer. Die Abordnung des Arbeiter- und Soldatenrates hat Ernst August den kurz zuvor verfassten Text seiner Abdankung überreicht, die er schließlich unterschrieben hat. Es ist die erste Monarchie, die im Deutschen Reich ihren Platz räumt. Eine große Ausstellung im Städtischen Museum führt zurück in „Zerrissene Zeiten“, ins Revolutionsjahr 1918, zurück zu den Wirren, die den Weg in die Demokratie begleiteten.

Wir wissen, wie die Geschichte weitergegangen ist, aber im Jahr 1918 war noch alles möglich. Braunschweig wird zur Bühne eines Lehrstücks der deutschen Geschichte. „Ein Lehrstück auch über die Zerbrechlichkeit der Demokratie“, sagt Oberbürgermeister Ulrich Markurth. Und eines, das er als Verpflichtung für heute versteht: „Wir müssen uns jetzt zu den Werten bekennen, die Demokratie ausmachen.“

Die Stunde Null nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Ende der Monarchie ist nur scheinbar eine Stunde Null, zu schwer wiegt, was der Erste Weltkrieg an Trümmern zurückgelassen hat. Verletzte Menschen, menschliche Kriegsmaschinen, dazu rechtlose Arbeiter, verarmte Familien, horrende Reparationszahlungen. Aber auch die Rufe nach Freiheit, Mitbestimmung und Gleichberechtigung.

Museumsdirektor Dr. Peter Joch (links) führte am Montag Braunschweigs Oberbürgergermeister Ulrich Markurth und Medienvertreter durch die Ausstellung. Marion Korth

Eine brodelnde Mischung, die immer in Bewegung ist, und keine Geschichte, die sich in einem Zug erzählen ließe. Das war die Herausforderung für die Ausstellung, die plakativ Symbole herausstellt, aus denen sich die Geschichte in einer Momentaufnahme lesen lässt. So wie die Soldatenfiguren, die seit 1906 die Brücke am Fallersleber Tore schmückten und von der Revolution hinweggefegt wurden. Ein Scherbenhaufen, der deutlich zeigt: Das Alte ist vorbei. Oder die Matrosenmütze, die eine kleine rote Kokarde zum Sinnbild der Revolution macht. Oder eine Bortfelder Tracht, mit der der Trachtenheimatverein die Zeit zurückzudrehen versuchte. Denn Braunschweig war auch die Stadt, in der Frauen zum ersten Mal wählen durften. Minna Faßhauer hatte mutig für die Rechte der Frauen gestritten und war in Deutschland die erste Frau, die ein Regierungsamt bekleidete.

Briefe, Plakate und Fotos geben einen Eindruck davon, wie tief die Gräben waren, die kreuz und quer durch die Gesellschaft liefen, wie radikal die Forderungen waren, wie groß Misstrauen und Hass. Modernität steht neben Rückwärtsgewandtheit.

Ausstellungskurator Pierluigi Pironti sieht in der schnellen Industrialisierung und schnell größer werdenden, aber insgesamt rechtlosen Arbeiterschaft sowie dem rückständigen Wahlrecht im Braunschweiger Land die Gründe dafür, dass die gesellschaftlichen Kräfte so stark werden konnten. In Braunschweig wurde besonders hart um die Demokratie gekämpft. Nur die Gespenster des Kriegstraumas, die wurden damals nicht besiegt.

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