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„Braunschweig ist viel selbstbewusster geworden“

55 Jahre NB: Dr. Anja Hesse, Kulturdezernentin der Stadt, kam 1981 nach Braunschweig und ist stolz auf die Entwicklung

Dr. Anja Hesse, Kulturdezernentin der Stadt, kam Anfang der 1980er Jahre nach Braunschweig. Hier blättert sie in einem Gästebuch des ehemaligen FBZ, in dem sich Joachim Reichel und die Jazzkantine verewigt haben. . Foto: Birgit Wiefel

Braunschweig. Dr. Anja Hesse lebt seit Anfang der 1980er-Jahre in Braunschweig und kennt die Szene – ob Hoch- oder Kiezkultur – wie keine zweite. Wie hat sich für sie die Stadt verändert? Was macht Braunschweig für sie aus? Ein Interview.

Frau Dr. Hesse, Sie sind 1981 aus Sanderbusch, einem kleinen Ort in Friesland, nach Braunschweig gekommen. Wie haben Sie Braunschweig erlebt?

Groß. Respekteinflößend. Und gleichzeitig ein bisschen grau und trist.

Warum?

Ich hatte damals das Gefühl, dass die Ur-Braunschweiger – und ich hatte viele Kontakte zu ihnen – irgendwie reserviert und gekränkt wirkten. Sie trauerten noch ihrer Stadt nach, die durch den Krieg schwer gezeichnet worden war. Hinter dieser Fassade gab es allerdings eine überraschend bunte und extrem revolutionäre Kultur. Man denke nur an die Besetzung des „Konzerthauses“ in der Böcklerstraße, in dem die Linken ein Kulturcafé einrichten wollten. Oder natürlich das FBZ, in dem ich bei meinem ersten Besuch in Braunschweig 1979 sogar noch übernachtet habe. Es war damals nicht nur Veranstaltungszentrum, in dem Bands wie Kraftwerk auftraten, sondern auch eine Jugendherberge. Es ist großartig, dass mit dem Westand das alte FBZ wiederbelebt wird. Der Mut zur Kritik ist den Braunschweigern übrigens geblieben: Sie halten mit ihrer Meinung nicht zurück, wenn ihnen etwas im Kulturbereich nicht gefällt.

Hat die Grenzöffnung noch einmal etwas verändert? Braunschweig rückte damals aus der Zonenrandlage in die Mitte Deutschlands …

Nicht unbedingt die Grenzöffnung, aber der Wegfall der Zonenrandförderung. Einen echten Auftrieb gab es durch die Expo und die Kulturhauptstadtbewerbung. Der Lichtparcours geht darauf zurück und viele Ideen, die jetzt noch nach und nach umgesetzt werden: das Ringgleis zum Beispiel, der archäologische Park Kaiserpfalz Werla, der Umbau des Städtischen Museums, des Landesmuseums und des Herzog Anton Ulrich-Museums. Braunschweig tritt heute viel selbstbewusster auf und spielt überregional mit. Und die kulturellen Angebote sind inzwischen so zahlreich, dass viele Termine parallel stattfinden. Nur mal ein Beispiel: Als ich in den 80er-Jahren hier ins Ballett ging, wurde dort „Dornröschen“ im Tutu und mit Schiebekulissen aufgeführt. Heute haben wir ein Tanztheater, das sich mit denen in anderen Metropolen messen kann.

Das heißt, die Kulturde­zernentin ist wunschlos glücklich?

(lacht) Ein paar Wünsche hätte ich noch. Ich denke, einer Stadt dieser Größenordnung stünde ein Konzertsaal gut. Oder ein Musikfestival. Nicht unbedingt ein zweites Wacken, aber zum Beispiel ein Format wie das Reeperbahn-Festival: Eine Clubszene dafür haben wir und auch das Rotlichtviertel. Was ebenso fehlt, ist die Neubelebung der Industriearchitektur, wie es zum Beispiel Amsterdam oder das Ruhrgebiet geschafft haben. Hier hinken wir dem Trend hinterher, was auch damit zu tun hat, dass die Industriegebäude in Braunschweig oft der Abrissbirne zum Opfer fielen. Ich hoffe, dass das neue Bahnhofsquartier die Chance bietet, den einen oder anderen Backsteinbau für die Kultur zu nutzen.

Gibt es einen Moment, der Sie in den vielen Jahren besonders beeindruckt hat?

Ja. 1997 besuchten zum ersten Mal ehemalige Konzentrationslagerhäftlinge aus Neuengamme Braunschweig – und begrüßten uns mit offenen Armen. Kein Star, kein anderes Highlight haben mich vorher und nachher so bewegt wie dieser Moment …

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