„Das Schwierigste für mich? – Die Disziplin“

Sifu Peter Graun unterrichtet Kinder im Wing Chun – Asiatische Kampfkunst ist mehr als nur Selbstverteidigung

Der Meister und seine fleißigen Schüler: Sifu Peter Graun mit Cedrik (l.) und Gerrit. Foto: Birgit Wiefel

Südstadt. Seine Stimme ist freundlich, aber bestimmt: „Ihr teilt euch jetzt auf und übt in der Gruppe“, dirigiert Sifu Peter Graun. Kollektives Nicken. Die rund 20 Schüler stellen sich gehorsam in dem gelb gestrichenen Sportraum auf. Mit dabei: Der achtjährige Gerrit und sein Zwillingsbruder Cedrik.

Seit rund einem Jahr trainieren die beiden Jungen im Wing Chun-Zentrum in der Salzdahlumer Straße und das erste, was sie lernen mussten war: Im asiatischen Kampfsport herrscht eine strenge Hierarchie. Der Sifu – also der „väterliche Meister“ – hat das erste und das letzte Wort. „Die Struktur ist wie in einer Familie: Als Sifu bin ich das Oberhaupt. Dann folgen die älteren Kung Fu-Brüder und -Schwestern und schließlich die jüngsten Mitglieder“, erklärt Graun.
Das klingt in Zeiten, in denen Eltern schon lange nicht mehr auf ihre Autorität pochen, fremd. Doch für den „Meister“ ist die Erziehung zu Respekt mindestens ebenso wichtig wie das Studium der richtigen Griffe. „Ein Wing Chun Schüler lernt Tugenden, die für das ganze Leben gelten“, betont Peter Graun. Höflichkeit zählt dazu, aber auch Disziplin und Ehrlichkeit. Für die Kleinen hat er auch gerne einmal Hausaufgaben im Gepäck wie Betten machen und beim Abwasch helfen. Ein hartes Brot.

„Die Disziplin ist das Schwierigste für mich“, sagt Cedrik ehrlich. Auf seinem weißen T-Shirt sind die Abzeichen aufgenäht, die er schon erworben hat: orange, blau, weiß – jedes steht für eine bestimmte Stufe. Einmal in der Woche kommt er mit Bruder Gerrit und seinem Vater zum Training. Warum er Wing Chun trotz der strengen Regeln mag? „Weil ich gelernt habe, mich zu wehren“, sagt er und zögert dann, mehr zu erzählen.
Sein Vater springt ein. In der Schule gäbe es immer wieder Kinder und Jugendliche, die andere ärgerten. „Durch das Training sind Gerrit und Cedrik viel selbstbewusster geworden und haben schon manchen Streit geschlichtet“, sagt Michael Tiedemann stolz. Er findet auch, „dass die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft generell gestiegen ist“. „Ich selbst habe vor Wing Chun Karate und Kickboxen gelernt“, erzählt Michael Tiedemann.

Mit hartem Kampf hat Wing Chun auf den ersten Blick allerdings wenig zu tun. Die Schüler bewegen sich konzentriert, fast fließend wie im Tai Chi oder Qi Gong. Und tatsächlich sind diese Elemente in die Kampfkunst, die es bereits seit 400 Jahren gibt, mit eingeflossen.
„Wing Chun wurde von einer Frau erfunden. Es setzt deshalb nicht auf Muskelkraft, sondern auf das Gefühl“, sagt Graun. Dank Filmstar Bruce Lee war Wing Chun in den 70er und 80er Jahren sehr populär. Dann kamen andere Kampfsportarten in Mode und Wing Chun geriet etwas aus dem Blick. Peter Graun findet das schade.
In seinen Augen lässt sich die Kampfkunst leicht und unkompliziert lernen, ist also ideal für Kinder und Jugendliche. „Im Wing Chun werden die Reflexe geschult und die Kraft des Angreifers so umgelenkt, dass sie zur Abwehr genutzt wird. Das können auch Menschen lernen, die kleiner und schwächer sind, als ihre Angreifer“, betont der Sifu.

Als Bild nutzt Graun gerne einen Ast, der gebogen wird und eine große Spannung aufbaut. „Wenn der Ast losgelassen wird, kommt er mit der gleichen Kraft zurück wie er gespannt wurde. Das ist das Prinzip der Abwehr.“
Beim Kindertraining kommt noch mehr hinzu. Hier geht es auch um Beweglichkeit, Gleichgewicht, um das Trainieren der rechten und linken Körperhälfte und letztlich auch um Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. „Mir macht das Training Spaß“, sagt Cedrik. Und das ist am Ende das wichtigste.

Alle Informationen über Wing Chun und zum Training gibt es im Internet unter www.wczd.de oder direkt bei Sifu Peter Graun unter Telefon 05337/77 92.

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