„Das war kein Betriebsunfall“ | Neue Braunschweiger
29. Januar 2020
Menschen

„Das war kein Betriebsunfall“

75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Stadt gedachte der Opfer des Nationalsozialismus

Die Gedenkstätte Schillstraße erzählt die Geschichte des Braunschweiger KZ-Außenlagers. Foto: Wiefel

Viewegs Garten. Tiefe Stille als sich die Hecke an der Mauer langsam mit Kränzen füllt. Am Montag, dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, erinnerte die Stadt an der Gedenkstätte Schillstraße an die Opfer des Nationalsozialmus. Tonlage und Atmosphäre machten schnell klar: Es war kein Jahrestag wie jeder andere.

Verharmlosung

„Der Antisemitismus ist kein Betriebsunfall“, erinnerte Landesbischof Dr. Christoph Meyns an die lange Geschichte der Judenfeindlichkeit in Europa und – wie der Anschlag in Halle zeige – an ihr Fortleben. Wenn Spannungen in der Gesellschaft auftreten, werden Minderheiten zu Sündenböcken“, machte Meyns einfache und gefährliche Mechanismen deutlich. Eine besondere Gefahr sieht der Landesbischof in der aktuellen Verharmlosung der Geschichte: „Schüler werden dazu angestachelt, die Zahlen der Holocaust-Opfer in Frage zu stellen. Doch es gibt keine alternativen Fakten: Sechs Millionen Menschen kamen zu Tode.“

Landesbischof Dr. Christoph Meyns (links) und Frank Ehrhardt. Foto: Wiefel

Die Gesichter dahinter

Den nüchternen Zahlen gaben Schüler der IGS Querum anlässlich der Gedenkfeier Gesichter und Schicksale. Rund zwei Jahre hatten die Zehntklässler Biografien von Braunschweiger Zwangsarbeitern erforscht. Menschen, die im KZ-Außenlager Schillstraße lebten und unter anderem für die Firma Büssing arbeiteten. „

„Was mich am        meisten beeindruckt hat: Wie die Opfer es trotz der schrecklichen Erfahrungen schafften, wieder nach vorne zu sehen“, erzählt die 16-jährige Ronja über Czeslawa Pfeiffer, die während ihrer Haft ihr Kind verloren hatte.

Oberbürgermeister Ulrich Markurth zeigte sich von der Arbeit der Schüler beeindruckt. Auch er mahnte: „Bleibt aufmerksam und kritisch, denn die Geschichte wird verfälscht.“

Joris und Ronja, Schüler der IGS Querum, forschten mit ihren Klassenkameraden zwei Jahre zur Geschichte der Zwangsarbeiter in Braunschweig. Foto: Wiefel

Offener Brief an die Stadt

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte das Bündnis gegen Rechts die Teilnahme der AfD-Fraktion an der Gedenkfeier kritisiert. „Zwei Monate nachdem über 20 000 Menschen sich deutlich ausgesprochen haben, die AfD hat in Braunschweiger nichts zu suchen“, heißt es in einem offenen Brief an die Stadt und den Arbeitskreis Andere Geschichte, der die Gedenkstätte Schillstraße betreibt.

Zu dem vom Bündnis befürchteten Eklat durch AfD-Fraktionsprecher Stefan Wirtz kam es nicht. Allerdings musste die Polizei kurzzeitig einschreiten, als etwa 15 Anhänger der Antifa-Bewegung versuchten, Vertreter der AfD-Fraktion am Zutritt zum Gelände der Gedenkstätte zu hindern.

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