Der Veränderung auf der Spur | Neue Braunschweiger
14. Dezember 2013
Kulturelles

Der Veränderung auf der Spur

Arbeiten von Sofia Hultén und Jacqueline Hoang Nguyen im Kunstverein Braunschweig zu sehen.

Sofia Holténs Arbeiten sind bis zum 16. Februar im Kunstverein zu sehen. Foto: André Pause

Von André Pause, 15.12.2013.

Braunschweig. Wenn weniger, wie oft behauptet wird, wirklich mehr ist, dann ist Sofia Holténs Ausstellung „How did it get so late so soon“ im Kunstverein Braunschweig eindeutig: mehr.

Die in Berlin lebende Künstlerin (Jahrgang 1972, geboren in Stockholm) spürt mit ihren Video-Arbeiten, Installationen und Skulpturen dem Wesen der Dinge sowie der Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten nach, untersucht Zyklen der Transformation und Veränderung. Der Besucher muss dabei allerdings genau hinsehen. Ein Zollstock ist ein Zollstock ist ein Zollstock – das gilt hier nicht. 200 aus verschiedensten Längenmessern gesammelte Glieder werden neu zusammengefügt und damit zum neuen, theoretisch immer noch halbwegs brauchbaren, Maßstab. „It is what it is, viele Sachen, die umgewandelt sind, bleiben doch, was sie sind“, sagt Holtén mit Verweis auf das Raum-Zeit-Kontinuum, die vierte Dimension. In ihren Werken verhandelt die Künstlerin Theorien der Science-Fiction-Literatur, der Philosophie oder der Physik. Die Arbeit „Altered Fates“ beispielsweise dockt an das Phänomen der Zeitschleife an. Das Video zeigt die Künstlerin, wie sie am Inhalt eines Bauschutt-Containers ausdauernd minimale Veränderungen vornimmt. Mit der Frage nach der kleinstmöglichen Neuordnung nimmt sie die vermeintliche Fortschrittsbewegung von Prozessen ohne jegliche Wertstellung aufs Korn.
Zu welch unterschiedlichen Ergebnissen im alltäglichen Geschehen die Vermischung von Zeitebenen führen kann, zeigt Holtén mit „Version of Events“. Das Anziehen eines Strumpfes, eines Schuhs, das Treten in eine Reißzwecke und in gelbe Farbe sowie das anschließende Entsorgen des Schuhs im Plastikbeutel werden in unterschiedlichen zeitlichen Abläufen dokumentiert. Ob die Reißzwecke im Fuß Aua macht oder in der Tüte baumelt, entscheidet allein die Reihung der Momente.

Das Durchbrechen gelernter Wahrnehmungsmuster und das Entdecken unbekannter Dimensionen im Alltäglichen eint die Arbeiten der Ausstellung. Am deutlichsten wird dies bei jenen Werken, die mit der Architektur des Hauses Salve Hospes spielen. So scheinen aufeinander geschweißte Säulen aus Wagenhebern die Decke zu stützen, gleichzeitig deuten sie die Ausdehnung des Raumes an. Um die Trennung desselben geht es schließlich im Spiegelsaal, wo ein diagonal verlaufendes metallisches Scherengitter die Besucher auf beiden Seiten des Raumes zur Umkehr zwingt. Es geht nur zurück, oder, mit ein bisschen mehr Optimismus: es geht auch zurück. Guckt man sich eben zuerst „Manifold“ an, eine verknotete Rundschlinge im Obergeschoss der Rotunde, oder nochmal „One in Ten“, die videodokumentierte Geschichte eines gefundenen Holzstückes, dem jedes widerfahrene Schicksal abgeschliffen wurde, und das jetzt im zehnten künstlerischen Aggregatzustand daliegt.

Bis zum 16. Februar ist die Ausstellung geöffnet, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Für alle, die noch einen Nachschlag in Sachen Konzeptkunst vertragen: In der Remise des Kunstvereins läuft parallel die Ausstellung „Space Fiction & The Archives“ von Jacqueline Hoang Nguyen. In ihrer Installation wird die Geschichte des weltweit ersten UFO-Landeplatzes in der kanadischen Kleinstadt St. Paul erkundet.

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