Die „alten Zöpfe“ bleiben dran | Neue Braunschweiger
2. November 2013
Kulturelles

Die „alten Zöpfe“ bleiben dran

Staatstheater Braunschweig zeigt Weihnachtsmärchen „Pippi Langstrumpf“ – Die nB traf Pippi und Herrn Nilsson.

Nach der Probe direkt ins Gespräch: Annika Ullmann spielt nicht Annika, sondern die Pippi. Andreas Dziuk hält das „Pippi-Lied“ für unverzichtbar, aber er hat es neu vertont und überhaupt die Musik zum Stück geschrieben, als Affe Herr Nilsson steht er außerdem mit auf der Bühne. Foto: T.A.

Von Marion Korth, 03.11.2013.

Braunschweig. Pippi Langstrumpf hat kurze Haare, zumindest im wirklichen Leben. Auf der Bühne wird sie so aussehen, wie wir sie lieben: rote Zöpfe und lange Strümpfe. Annika Ullmann spielt nicht die Annika, sondern die Pippi – eine Kinderrolle zwar, aber eine ganz große.

Der Anruf von Regisseur Philippe Besson kam überraschend, irgendwie „völlig aus dem Nichts“. Erst so langsam begreift sie, was es heißt, die Hauptrolle in dem neuen Weihnachtsmärchen des Staatstheaters Braunschweig zu spielen, das am 9. November im Großen Haus Premiere hat. „Pippi ist viel größer, als ich gedacht habe“, sagt Annika Ullmann. Sobald sie die Perücke mit dem roten Haar aufhat, spürt sie das an den Reaktionen um sie herum, die Menschen lächeln sie an, möchten sie in den Arm nehmen.
„Pippi ist Liebe“ hat die 29-Jährige sich in ihr Dialogbuch geschrieben, so will sie die Pippi rüberbringen. „Ich bin dankbar, dass sie in dem Stück nicht als Punk kommt, sondern Pippi sein darf, wie alle sie kennen“, sagt Annika Ullmann. „Sie schafft sich ihre eigene Welt, weil sie allein ist“, sagt sie. Mit Rebellion habe das nichts zu tun, Pippi Langstrumpf möchte niemand vor den Kopf stoßen, „sie fühlt sich einfach wohl in ihrer Fantasiewelt.“ Wenn wir etwas von dem rothaarigen Mädchen lernen können, dann vielleicht, seinem Lebensentwurf treu zu sein und sich das Kind im Inneren zu bewahren. Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf ist nicht irgendeine Kinderbuchfigur, sondern die Kinderbuchfigur, die die Menschen seit Jahrzehnten begleitet. Deshalb wiegt die Verantwortung so schwer. Annika Ullmann hat etwas gemacht, was sie sonst nie macht und sich noch einmal die alten Filme angeschaut, um zu gucken, ob sie „ihrer“ Pippi noch irgendetwas mitgeben muss, was die Zuschauer sonst schmerzlich vermissen würden. „Ich bin nicht mehr neun, aber als ich das gesehen habe, war es wieder wie damals, das ging gleich ins Herz.“ Es ist ein Prozess, wie Annika Ullmann mit jeder harten, konzentrierten Probe, mit jedem Dialogsatz, mit jedem Tag ein bisschen mehr zu Pippi Langstrumpf, zum Kind, wird. Erst ganz zum Schluss setze sie alles zusammen: die Gesten, die Mimik, die Stimme, die Wörter. „Ich bin eine Chaos-Proberin“, sagt sie von sich selbst, auch das verbinde sie mit Pippi Langstrumpf.
An noch etwas darf einfach nicht gerüttelt werden, um die Erwartungshaltung von Kindern und Erwachsenen nicht zu enttäuschen: das Lied aus den Filmen. Sie wissen schon: „Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt …“
Zwischen Lied und roten Zöpfen bleibt dann aber doch jede Menge Spielraum für Neues und Künstlerisches. Andreas Dziuk hat das Pippi-Lied gleich in mehreren Versionen vertont, dabei auch Reggae einfließen lassen. „Ein bisschen mehr Südsee und Taka-Tuka-Land als Schweden“, versucht er eine Beschreibung. Und weil auch die Polizisten für ihren Auftritt einen Song brauchten, hat er den neu geschrieben und einige andere mehr. Kritisches Publikum hat er bei sich zu Hause gefunden, seine Kinder sind zwei und vier und unbestechlich. „Die reagieren nur auf die Musik – und fanden das toll.“
Es ist keine Kunst, sich Annika Ullmann auch ohne Kostüm als Pippi vorzustellen, ihre lebendigen Augen, die schnellen Bewegungen, ihre kindhafte Größe und Figur – das passt. Aber Andreas Dziuk als den Affen Herrn Nilsson? Ausgerechnet der große Mann spielt das kleinste Lebewesen in der Pippi-Personnage? Die beiden grinsen geheimnisvoll: „Er ist die eigentliche Hauptperson und total herzig“, sagt Annika Ullmann. Aber den Affen auf der Schulter zu tragen, das geht dann ja beim besten Willen nicht oder: „Doch, das geht, das wird eine Überraschung.“
Bleibt am Ende die Frage, ob Pippi Langstrumpf jemals erwachsen geworden ist, und wenn ja, wo sie jetzt wohnen würde. „In einem Haus auf dem Land mit vielen Tieren“, sagt Andreas Dziuk. „Oder sie fährt mit einem Hausboot durch Holland.“

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