28. April 2021
Soziales

Die Einsamkeit hat Hausverbot

Vor rund 30 Jahren gründete Ambet die erste betreute Wohngruppe – In Coronazeiten zeigt diese Wohnform ihre Stärke

In dieser Wohngruppe ist aktuell sogar ein Zimmer frei. Betreut wird die Gruppe von Sozialpädagogin Birgit Meyer (links) und der Hauswirtschafts- und Betreuungskraft Doris Rübbelke-Loock (4. von links). Foto: Brandenburg/Ambet

Braunschweig. Die Coronapandemie macht viele Menschen krank und oft auch einsam. Ältere Menschen, die allein leben, bekommen das schmerzhaft zu spüren. Besuche sind weniger geworden, Gemeinschaftserlebnisse wie die Kegelrunde oder Walkingtour mit Freunden fallen ganz aus. Gerade jetzt zeigt sich die Stärke einer Wohnform, die die Lücke zwischen dem Leben in einer eigenen Wohnung mit Unterstützung ambulanter Dienste und dem Wohnen in einer Senioreneinrichtung mit Rundumbetreuung schließt. Die Rede ist von betreuten Wohngruppen.

Kein neues Angebot, aber eines, das bei der Lebensplanung fürs Alter oft vergessen wird. Diese Erfahrung hat jedenfalls die Diplom-Sozialarbeiterin Inge Bartholomäus gemacht. Vor mehr als 30 Jahren gründete der Pflegedienst Ambet seine erste Wohngruppe. „Das war damals neu. Aber der Gedanke, damit einen weiteren Baustein in der Versorgung älterer Menschen zu schaffen, hat alle fasziniert.“ Inge Bartholomäus ist nicht ganz von Anfang an dabei, aber seit mehr als 20 Jahren und aus voller Überzeugung. „Das ist eine tolle Sache, Depression ist eine der häufigsten psychischen Belastungen, unter denen ältere Menschen leiden.“ Die betreuten Wohngruppen, so ihre Erfahrung, sind ein gutes Mittel dagegen. Das Leben in einer Wohngruppe sei zwar nicht immer konfliktfrei, aber auch daran wachsen die Bewohner. Einsam seien sie dort jedenfalls nicht. Ansprache und Aktivierung gehören zum Alltagsleben. Das alles zusammengenommen beeinflusse positiv die Lebensqualität.

Diplom-Sozialarbeiterin Inge Bartholomäus ist Ansprechpartnerin für die betreuten Wohngruppen bei Ambet.

In den Wohngruppen, sie sind quer übers Stadtgebiet verteilt, in Alt- und Neubauten und meistens barrierefrei, richten sich die Bewohner ihre Zimmer mit eigenen Möbeln ein. „Niemand bekommt vorgeschrieben, wann er aufstehen oder ins Bett gehen soll“, sagt Inge Bartholomäus. Wer länger schlafen möchte, frühstückt eben später. Wert werde aufs gemeinsame Mittagsessen gelegt. Manche Gruppen kochen mit Unterstützung jeden Tag selbst, andere lassen sich auch mal Essen auf Rädern liefern. „Den Basiseinkauf organisieren wir, niemand muss Wasserkisten schleppen“, erläutert sie. Jede Gruppe plant für sich, was Zusatzbesorgungen oder Gemeinschaftsaktivitäten angeht.

Die Gruppen werden von einem festen Team aus sozialpädagogischen und hauswirtschaftlichen Fachkräften begleitet, auch am Wochenende ist stundenweise jemand da. Inge Bartholomäus und ihre Kolleginnen und Kollegen unterstützen bei der Planung des Alltagslebens, geben Anregungen, schlichten Konflikte und kümmern sich auch um hauswirtschaftliche Tätigkeiten wie das Kochen oder Sauberhalten der Gemeinschaftsräume. „Keine 24-Stunden-Betreuung“, betont die Diplom-Sozialarbeiterin. Das sei auch der Grund, warum Menschen mit fortgeschrittener Demenz nicht aufgenommen werden.

In einem Vorgespräch und bei einem ersten Kaffeebesuch lotet Inge Bartholomäus aus, wer in welche Wohngruppe passen könnte. Wer sich Gemeinschaft wünscht und noch davon profitieren kann, ist prinzipiell richtig. Aktuell sind zwei Zimmer frei. Die Bewohner in den Gruppen selbst sind es, die bestenfalls gemeinsam älter werden und füreinander da sind. Im Krankheitsfall mit zusätzlicher Unterstützung ambulanter Pflegedienste. Aber viel werde gemeinsam getragen. Diese Fürsorge und Verbundenheit müsse allerdings wachsen. Eine Bewohnerin habe mehr als 20 Jahre in einer Gruppe gelebt und dort ihre beste Freundin gefunden – ein Glücksfall.

Info:
Vor mehr als 30 Jahren gründete der ambulante Pflegedienst Ambet erste betreute Wohngruppen. Aktuell sind es sechs Wohngruppen, verteilt über das Stadtgebiet.
Die Bewohner sind selbstständige Mieter, darüber hinaus wird eine Grundservicepauschale für die sozialpädagogische Betreuung sowie die Basisassistenz für Haushalt und Gemeinschaft von rund 680 Euro monatlich erhoben. Das Alter der Bewohner liegt zwischen 50 bis 80 Jahren. Für Menschen mit sehr hohem Pflegebedarf oder einer fortgeschrittenen Demenz ist diese Betreuungsform nicht geeignet.

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