2. April 2022
Menschen

Die einzige Mission: Freude bereiten

Der Dino ist als plüschiger Spaßmacher stadtbekannt und doch unbekannt – Eine Begegnung

Der Dino ist stadtbekannt, aber die wenigsten wissen, wer in dem Kostüm steckt. Es ist Zeit, das Geheimnis zu lüften und von einer besonderen Begegnung zu berichten. Foto: Detlev Bussenius / privat

Innenstadt. Auf den Dino ist Verlass, dabei hasst er Regenwetter. Wie verabredet steht Marcel Pichlack im Plüschkostüm vor dem Eingang zum Schloss. „Ich habe echt überlegt, ob ich den Termin absage …“ Zum Glück ist der Dino dann doch gekommen. Für uns lüftet er sein „Geheimnis“, hat den überdimensionalen Kopf unter den Arm geklemmt. Marcel Pichlack, 35, ist der „Dinomann“.

Pichlack führt ein Doppelleben: Er arbeitet im Schichtdienst für eine Zeitarbeitsfirma und wird in der Freizeit zum „Dinomann“. Viele kennen ihn aus der Innenstadt, manche vielleicht auch aus der Straßenbahn auf der Fahrt in die Stadtmitte. Dort ist er oft im Kostüm unterwegs, ohne Auftrag, ohne Bezahlung, einfach so, weil es ihm Spaß macht. Buchhandlung Graff, Ringerbrunnen, weiter Richtung Dom: Der Dino schlappt durch die Fußgängerzone, winkt, lässt sich fotografieren. Seine einzige Mission: Freude verbreiten. Nicht mehr und nicht weniger. Oder wie Marcel Pichlack es ausdrückt: „Den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“
Die pastelligen Farben des Dinokostüms – Blau und Gelb – passen nicht nur im weitesten Sinn zu Eintracht, ihnen könnte man in diesen Tagen und Wochen auch eine politische Botschaft unterstellen, aber das ist dann doch zu weit hergeholt. Andererseits wäre ein Dinobesuch in der Stadthalle, wo derzeit viele Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht sind, vielleicht eine schöne Überraschung. Aber das ist nur ein Gedankenspiel.

In seiner Freizeit verbreitet der Braunschweiger Marcel Pichlack im Dinokostüm gute Laune – nicht im offiziellen Auftrag, sondern einfach so, weil es ihm Spaß macht. Foto: Marion Korth

Dass wir zum Gespräch den einzigen Regentag seit Wochen erwischen, ist Pech. Der „Dinomann“ bekommt langsam nasse Füße. Die Plastikbesohlung ist von vielen Fußmärschen durch die Fuzo ein bisschen abgewetzt. Der Plüschanzug hat schon etliche 30-Grad-Schonwäschen hinter sich.
Wenn andere nach der Arbeit Joggen oder ins Kino gehen, sich vor den Fernseher setzen oder das erste Feierabendbier öffnen, dann zieht es Marcel Pichlack in die City. „Sobald das Wetter gut ist, gehe ich ein oder zwei Stunden raus“, erzählt er. Gern auch am Wochenende. „Ich ziehe das Kostüm an, und die Sonne geht auf“, beschreibt er seine Gemütslage. Von seiner guten Laune gibt er gern welche ab. „Das lohnte sich besonders in der Coronazeit; und dann lächeln dich die Leute an und du weißt, du hast alles richtig gemacht.“

Doppelleben als Dino

Er guckt sich die Leute aus, die für einen kleinen Spaß zu haben sind und das Spiel mitmachen. Wenn Kinder ihn ansprechen, antwortet er ihnen gern und bricht dafür sogar eine Maskottchenregel, denn: „Maskottchen dürfen nicht sprechen.“ Marcel Pichlack wusste das lange selbst nicht, bis ihn ein Profi in einem Vergnügungspark darüber aufklärte. Das Maskottchen als Kunstfigur soll unverwechselbar und immer gleich sein, egal, wer gerade im Kostüm steckt. Man stelle sich mal Micky Mouse im Disneyland vor, der jeden Tag mit einer anderen Stimme spricht – undenkbar, das leuchtet ein.
Marcel Pichlack wäre gern Goofy. Aber noch viel lieber bleibt er in Braunschweig und macht sein eigenes Ding als Dino. Dessen Charakter beschreibt er so: „Lieb, freundlich, verspielt und manchmal frech.“ Letzteres, wenn er zum Spaß jemanden ein paar Schritte verfolgt. Ansonsten ist der Dino ein durch und durch netter Kerl ohne irgendwelche Hintergedanken. Genau das macht ihn seinen beiden Zufallsbekanntschaften Sabine Norkauer und Detlev Bussenius so sympathisch. Die beiden sprachen ihn einfach an, dachten zunächst, er sei als Werbefigur von jemandem gebucht. Über einen gut gemeinten Auftrag für ihn würden sie sich sehr freuen. In jedem Fall sei jemand, der einfach so als Dino die Menschen bespaßt, eine Geschichte in der NB wert, meinten die beiden und stellten den Kontakt her.

Der Dino ist eigentlich ein Drache

Beim Gespräch kommt übrigens heraus, dass der Dino strenggenommen ein Drache ist. Dem Fantasy- und Jurassic-Park-Fan Marcel Pichlack ist das einerlei. Es sind mehr praktische Erwägungen, warum er die Drachenflügel lieber zu Hause lässt. Ohne ist er etwas beweglicher. Wenn ihn nicht gerade ein Freund oder sein Bruder begleitet, dann ist es auch so schon kompliziert genug, sich aus dem Rucksack etwas zum Trinken zu angeln. Sonne ist gut, Hitze macht dem „Dinomann“ hingegen echt zu schaffen. Damit er in Plüschdress und schaumstoffgepolstertem Kopf nicht überhitzt, ist darin ein kleiner Ventilator eingebaut. Außerdem gibt es für Kostümträger Kühlwesten, die mit Gelpads aus dem Kühlschrank ausstaffiert werden.
Braunschweigs Maskottchen und Fantasiefiguren halten zusammen. „Ich bin auch schon mal als Leo eingesprungen“, verrät Marcel Pichlack. Natürlich kennt er den Menschen, der Eintracht Braunschweigs Glücksbringer und Sympathieträger zum Leben erweckt persönlich.
Bei Kostümkosten von mehr als 1500 Euro will ein Neukauf gut überlegt sein. Den Flamingo im Online-Shop findet Marcel Pichlack als Zweitkostüm ganz witzig. Oder soll es doch lieber ein (Braunschweiger) Löwe sein? Wichtiger als die äußere Hülle ist sowieso die innere Einstellung. Andere zum Lächeln bringen, damit kennt Marcel Pichlack sich aus.

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