Die Entdeckung der Langsamkeit | Neue Braunschweiger
10. Januar 2021
Menschen

Die Entdeckung der Langsamkeit

Für Cristina Antonelli-Ngameni vom Haus der Kulturen ist Corona Herausforderung und Chance zugleich – auch 2021

Cristina Antonelli-Ngameni. Foto: Niedersächsischer Intergrationsrat

Braunschweig. Mini-Konzerte vom Balkon, Nachbarn, die wieder zusammenrücken – wenn sich Cristina Antonelli-Ngameni für das neue Jahr, für die Zeit nach Corona etwas wünschen kann, dann sicher eines: „Dass sich die vielen kleinen Fenster, die sich in den Köpfen geöffnet haben, nicht wieder schließen“.

Ja, räumt die Co-Leiterin vom Haus der Kulturen am Telefon ein, 2020 sei für das sozio-kulturelle Zentrum am Nordbahnhof ganz sicher nicht leicht gewesen. Und auch persönlich bangte die gebürtige Italienerin mehr als einmal um ihre Familie daheim im Süden. Aber es sei auch ein Jahr voller Chancen gewesen, ist Antonelli-Ngameni überzeugt.

Viele Töpfe

„Nehmen Sie die Kulturbranche. Vorher rührte jeder mehr oder weniger in seinem eigenen Topf. Mit dem Lockdown fand plötzlich ein Schulterschluss statt. Man tauschte sich aus, fand ganz neue Kommunikationswege“, blickt Cristina Antonelli-Ngameni zurück. Bestes Beispiel: Die gemeinsame „Night of Light“ im Juni, in der die Kultureinrichtungen bundesweit auf ihre Nöte aufmerksam machte.

Digitale Formate

Auch für das Haus der Kulturen bedeutet die Vollbremsung im Frühjahr und der Lockdown jetzt eine harte Probe. Keine Sprachkurse, kein Gesundheitssport, keine interkulturellen Projekte wie zum Beispiel das Sonntagsmahl. Dafür wurde in aller Eile an digitalen Formaten gestrickt. M³ ist so ein Angebot. Es will Menschen aus unterschiedlichen Bereichen für einen politischen Austausch zusammenbringen, „Mitreden, mitmischen, gestalten“ heißt deshalb auch der Untertitel. „In Zeiten von Querdenkern und Corona-Leugnern sind solche Gespräche wichtig“, findet Cristina Antonelli-Ngameni und freut sich: „Der Kickoff im November wurde sehr gut angenommen.“

Happy Hour

Und nicht nur das: Das Haus der Kulturen zog kurzerhand nach draußen. Zwischen Mai und September fand jeden Freitag eine Happy Hour auf der Terrasse statt. Ein Volltreffer. „Viele, die abends noch eine Runde auf dem Ringgleis drehten, kehrten ein und lernten uns kennen. Manche wurden sogar Stammgäste“, ist die Braunschweigerin mit italienischen Wurzeln begeistert über das südeuropäische lockere Flair, das im Norden plötzlich herrschte. Keine Frage: Dieses Angebot soll und wird bleiben – auch wenn alles wieder normal sein wird.

Größer Wunsch: Normalität

Überhaupt: Normalität – das wünscht sich Cristina Antonelli-Ngameni nicht nur beruflich. Auch privat waren Kopf und Herz stets in der Heimat. Die 80-jährige Mutter in Süd-Italien, die Grenzen im Frühjahr geschlossen und immer die bange Frage: „Come stai? – Wie geht es dir?“ „In dem Dorf, in dem meine Mutter wohnt, gibt es noch nicht einmal ein richtiges Krankenhaus“, berichtet die dunkelhaarige Wahl-Braunschweigerin auch mit Blick auf die immer noch gute Versorgungslage in Deutschland. „Im Sommer sind wir dann mit dem Auto runter gefahren. Ganz gemächlich, das Flugzeug erschien uns einfach nicht sicher genug“, sagt Antonelli-Ngameni. Und wünscht sich, dass diese Entschleunigung in der Pandemie ein Teil des Lebens wird. Einfach mal halbes Tempo, einfach mal Zeit, nach rechts und links zu schauen. „In einer italienischen Stadt entdeckte ich das Schild ‚città slow‘- ‚slow city‘. Wie die Slow Food-Bewegung fürs Essen gibt es inzwischen auch eine Städte-Bewegung für mehr Langsamkeit. Eine tolle Idee – auch für hier“, findet Cristina Antonelli-Ngameni.

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