Die große Politik im Eiltempo | Neue Braunschweiger
15. Juli 2014
Aktiv

Die große Politik im Eiltempo

Dreimal im Jahr können Abgeordnete Bürger aus ihrem Wahlkreis nach Berlin einladen.

Gruppenfoto in der Kuppel des Reichstagsgebäudes. 50 Braunschweiger waren im Mai nach Berlin gereist, um den Bundestag und den Braunschweiger Abgeordneten Carsten Müller zu besuchen. Foto: oh

Von Birgit Leute, 16.07.2014.

Berlin. Carsten Müller ist sichtlich geschmeichelt: Passend zu seinem Geburtstag bekommt der Braunschweiger Bundestagsabgeordnete von der Reisegruppe aus der Heimat ein vielstimmiges Ständchen. Als Abgeordneter kann Müller dreimal im Jahr Bürger seines Wahlkreises in die Hauptstadt einladen. Ein Besuch in Berlin. „CDU-Familienausflug“ ist es trotzdem nicht.

Schon das Programm macht klar: Es wird nicht bloß ein „CDU-Familienausflug“. Den Fahrplan der Reise bestimmt nämlich nicht nur das Braunschweiger Büro, sondern auch das Bundespresseamt. Und das macht aus der Berlin-Fahrt, kurz BPA-Fahrt genannt, gerne mal einen 48-Stunden-Marathon durch die hohe Politik, durch Museen, Gedenkstätten und touristische Highlights.
Bundestag, Fernsehturm, Stasi-Zentrale und Bundesnachrichtendienst – das Paket ist auch dieses Mal dicht geschnürt. Doch die Chance, kostenlos Orte zu sehen, die sonst hermetisch abgeriegelt sind, lockt viele. Auch nB-Leser Thomas John. „Meine Tochter wäre zu gerne mitkommen, doch die Reisen sind erst ab 18“, bedauert er. Jetzt hat er einen langen Fragezettel der Klasse in der Tasche, „die soll ich alle Carsten Müller stellen“, sagt er.
50 Anmeldungen, keiner abgesprungen. Alicia Wachtel, Leiterin des CDU-Wahlkreisbüros checkt zufrieden die Namensliste bei der Abfahrt am frühen Morgen vom ZOB. Manche der meist älteren Mitreisenden sind dabei schon Experten. „Wir haben schon mehrere BPA-Fahrten mitgemacht. Nicht nur mit der CDU, sondern auch mit der SPD und den Grünen“, verrät eine. Nicht immer lässt sich gleich eine Bundestagssitzung miterleben. Dieses Mal passt es terminlich. Gleich mehrere Gesetze stehen heute zur Abstimmung, das Parlament summt wie ein Bienenstock und winkt unter anderem den Mindestlohn in Schlachthöfen durch.
„Vergessen Sie nicht: Als Besucher dürfen Sie hier nichts tun, außer zu atmen“, warnt Stadtführerin Eva Ossevorth vorsorglich. Ein guter Tipp. Denn: Auch wenn hier eigentlich die Abgeordneten das Sagen haben. Die heimliche Macht im Bundestag sind – die Saaldiener. Wer als Besucher wo und wie lange auf der Tribüne sitzen darf, bestimmen die Herren und Damen im schwarzen Frack. Wenn’s sein muss energisch. „Ich bin hier das Maß aller Dinge“, schiebt gerade einer eine Klasse von zappeligen Teenagern zurecht. Eine Stunde dürfen die Gruppen schweigend lauschen, dann ist Wechsel. Schnupperkursus im Schichtbetrieb.
„Ein ganz schönes Gewusel hier, was?“, empfängt Carsten Müller den Besuch aus der Heimat herzlich und winkt gleich bescheiden ab: „Ich bin hier nur einer von 631 Abgeordneten, man darf sich gar nicht so wichtig nehmen.“
Für das Gespräch mit Müller bleibt – wie für viele Programmpunkte dieser Reise – nicht viel Zeit. In einem orange gestrichenen Besprechungsraum am Rand des Plenarsaals beantwortet er eine knappe Stunde lang Fragen, die wider Erwarten sehr kritisch ausfallen. Reizthema an diesem Tag ist unter anderem Annette Schavan. „Ich verstehe einfach nicht, wie Politiker immer wieder auf die Füße fallen, auch wenn sie sich klar falsch verhalten haben“, schimpft ein Teilnehmer mit Blick auf die Berufung der einstigen Ministerin für Bildung und Forschung als Botschafterin im Vatikan. „Sie hat viel geleistet, und auch das muss man anerkennen“, gibt Müller zu bedenken.
Die so gerne mal zitierte Distanz zwischen Politikern und Bürgern: Hier, in dem kleinen Besprechungsraum neben dem Zentrum der Macht ist sie plötzlich mit Händen zu greifen. Auch dagegen will das Bundespresseamt nicht zuletzt mit seinen Fahrten gegensteuern.

Info:

An den Fahrten der Wahlkreisbüros und des Bundespresseamtes kann grundsätzlich jeder teilnehmen. Die nächste Fahrt des CDU-Wahlkreisbüros findet vom 17. bis zum 18. Juli statt. Dann stehen unter anderem der Bundesrat sowie ein Besuch im Bundesumweltministerium und in der Dauerausstellung „Alltag in der DDR“ an. Alle Fahrten sind kostenlos, insgesamt gibt es drei im Jahr.

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