Die Komödie – ein Geisterhaus | Neue Braunschweiger
4. April 2020
Kultur

Die Komödie – ein Geisterhaus

Nicht nur die Vorstellungen im Stammhaus in Braunschweig fallen aus, auch die Tourneeproduktionen

Wie viele Kultureinrichtungen plant auch die Komödie am Altstadtmarkt erst einmal auf Sicht. Foto: Marion Korth

Innenstadt. Es ist gespenstisch ruhig in den Räumen der Komödie am Altstadtmarkt an der Gördelingerstraße. Dort, wo sonst Schauspieler und rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „umherwuseln“, sitzt Florian Battermann, Chef der Komödie am Altstadtmarkt, derzeit mit seinen engsten Mitarbeitern in seinem Büro und arbeitet – vielmehr telefoniert.

Seit Mitte März hat das beliebte Theater im Herzen der Löwenstadt geschlossen – die Stadt Braunschweig hat aufgrund des Corona-Virus den Spielbetrieb lahmgelegt. So wie auch den der meisten Geschäfte in Braunschweig. Die Schauspieler sind nach Hause geschickt worden. Mit dem Theaterchef sprach Axel Emmert über die Situation.

Lieber Herr Battermann, wie fühlen Sie sich gerade?
Es klingt makaber, aber ich fühle mich wie auf einer Beerdigung, die nicht enden will…

Wie dürfen unsere Leser das verstehen?
Nun, die Hiobsbotschaften, sprich die Absagen von unseren Tourneepartnern, reißen nicht ab. Wie Sie ja wissen, sind wir nicht nur ein Unterhaltungstheater hier für Braunschweig und die Region, sondern wir gehen ja im Schnitt 120 mal pro Spieljahr auf Tournee, um in ganz Deutschland unsere Produktionen zu präsentieren. Und da rufen jetzt leider sehr, sehr viele Verantwortliche aus den Spielstätten an, um ihre Termine abzusagen oder zu verschieben. Nirgends in Deutschland wird zurzeit noch Theater gespielt. Das geht nun schon seit Tagen so und wird wohl auch noch wochenlang andauern. So „beerdige“ ich quasi Stunde für Stunde Aufträge und die wirtschaftliche Situation wird immer dramatischer.

Das alleine – ohne die fehlenden Einnahmen durch Ihre Zuschauer hier vor Ort – ist doch sicherlich ein Verlust, der in die Tausende geht, oder?
Wenn der ganze Spuk nur einen Monat dauern sollte, reden wir über Tausende. Sollte unser Spielbetrieb allerdings zwei Monate oder länger außer Betrieb sein, so sind wir schnell im sechsstelligen Bereich, und dann wird es wirklich existenzbedrohend für unser Theater … und dann sind da ja auch noch die eigenen Vorstellungen, die hier in Braunschweig ausfallen. Das ist der wichtigste Brocken, den wir verarbeiten müssen. Ich rechne pro Woche mit rund 1500 Besuchern, die entweder schon Tickets haben oder noch welche kaufen würden. So können Sie sich ja selbst ausrechnen, was das bedeutet, wenn eine Karte im Schnitt 25 Euro kostet…

Was können Sie selbst tun, um eine wirtschaftliche Katastrophe für Ihr Haus zu verhindern?
Vorab möchte ich festgehalten wissen, dass wir ja nicht das einzige Unternehmen sind, das unter dem Virus und seinen wirtschaftlichen Folgen leidet. Alle kleinen Geschäfte sowie der gesamte Mittelstand sind stark getroffen. Und selbstverständlich geht die Gesundheit der Bevölkerung vor. Doch es muss zwingend Hilfe her. Acht, neun Wochen können wir ohne Einnahmen überleben, wir haben entsprechende Rücklagen. Aber irgendwann wird es eng – und irgendwann sind wir ansonsten pleite. Dann gehen Arbeitsplätze verloren, die Komödie ist Legende und Braunschweig verliert ein inzwischen doch – und darüber freue ich mich sehr – beliebtes Unterhaltungstheater.

Wie könnte Hilfe aussehen?
Wir brauchen ganz einfach finanzielle Unterstützung. Da gibt es sicherlich mehrere Modelle, die denkbar wären, doch das ist nun auch Aufgabe des Staates, hier ein Hilfsprogramm aufzulegen, das nicht nur den Großkonzernen hilft, sondern auch uns kleinen Mittelständern, damit wir alle unsere Löhne weiterzahlen können und niemanden entlassen müssen – und zwar schnell und unbürokratisch.

Sie haben bislang immer betont, wie wichtig es Ihnen ist, ohne staatliche Zuschüsse auszukommen, ist das dann nicht jetzt eine Kehrtwende?
Ganz und gar nicht. Wie reden ja nicht über „normale“ Zeiten. Wir reden hier über eine Katastrophe, die weder wir noch andere Unternehmen verschuldet haben. Ich kann nicht mehr selbst gegensteuern. Jetzt gelten andere Gesetze. Hier geht es um Arbeitsplätze, hier geht es um Existenzen und hier geht es um eine Braunschweiger Institution, die gerade, weil sie privat geführt wird, bei den Zuschauern so beliebt ist. Wir spielen Produktionen, die die Zuschauer sehen wollen – ohne Zwang und übergeordnete Vorgaben. Dafür halte ich Tag für Tag „meinen Kopf“ hin – mit allen finanziellen und wirtschaftlichen Vorgaben, Risiken und Problemen. Doch jetzt bin ich mit meiner Kraft ziemlich am Limit, und deshalb bitte ich Staat und Stadt Braunschweig, schnell und unbürokratisch zu helfen. Nicht nur der Komödie, sondern auch den vielen kleinen Betrieben und Einzelhändlern sowie zahlreichen Gastronomen, die unsere schöne Stadt so lebenswert machen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Kraft für die nächsten Wochen.

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