Die Liebe eines Vaters

Regisseur Walter Sutcliffe versteht Verdi besser, seit er selber Vater geworden ist – Ein Gespräch vor der Premiere.

Gestern Abend hatte „seine“ La Traviata auf dem Burgplatz Premiere: Regisseur Walter Sutcliffe. Foto: T.A.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 11.08.2013.

Braunschweig. „Ich verstehe Verdi erst richtig, seit ich selber ein Kind habe“, sagt Regisseur Walter Sutcliffe. „Die Familie ist der Kern des Lebens, sie ist das Heilige“, beschreibt er das für ihn Wesentliche in der Verdi-Oper „La Traviata“. „Giuseppe Verdi hat seine zwei Kinder verloren, sie starben als Babys“, erzählt Sutcliffe. Ein Schmerz, dem der Regisseur gut nachspüren kann; Walter Sutcliffes Tochter Minna ist zwei Jahre alt.

Heilige Familie
„Verdi interessiert sich immer für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern“, sagt Sutcliffe. Tiefe Vatergefühle sieht er auch als treibendes Handlungsmotiv für Giorgio Germont in der Oper „La Traviata“. „Dieser Mann will seine Familie schützen“, erklärt Sutcliffe, „seine Tochter will heiraten und die Beziehung zwischen seinem Sohn Alfredo und Violetta Valéry ist einfach nicht standesgemäß, gefährdet also im Weltbild Giorgio Germonts das Glück der Familie.“
Und dieser Glaube an Familie bewege letztlich auch Violetta, auf ihre große Liebe zu verzichten. „Manche denken, Violetta gibt ihre große Liebe auf, weil sei schwer erkrankt ist und spürt, dass sie sterben muss“, erklärt Sutcliffe seine Sicht auf die Edelkurtisane Violetta Valéry, „aber sie versteht Giorgio Germont, erkennt den Wert von Familie, die sie selber nie gehabt hat. Sie folgt und versteht ihn.“
Für Walter Sutcliffe stehen die Figuren in „La Traviata“ alle vor großen Problemen, „und jeder einzelnen Figur kann der Zuschauer sehr gut auf ihrer Reise folgen“, erzählt er, „die Geschichte ist sehr naturalistisch angelegt.“ Gleichzeitig habe die Musik Verdis eine bestimmte Formalität, „für dieses Spannungsverhältnis haben wir einen Rahmen gesucht“, erklärt er.
„Wir“ – das sind in diesem Fall der Regisseur und das Team Kaspar Glarner/Miriam Draxi (Bühne und Kostüme). „Wir haben die besonderen Bedingungen durch den Platz“, erklärt Sutcliffe, „die schönen Steine und die Farben sollten sich im Bühnenbild widerspiegeln.“
Ein Treppenlabyrinth (als Vorbild dienten Trickzeichnungen von Maurits Cornelis Escher) gibt verschachtelte Perspektiven frei, verstärkt das Moment der Auswegslosigkeit. „Dem Burglöwen haben wir zwei Doubles an die Seite gestellt, um die Perspektiven noch weiter zu verwirren“, erklärt Sutcliffe, „es sollen immer neue Ansichten entstehen. Wie in der Oper auch.“
Einen fundamentalen Ansichtswechsel durchlebt in der Oper Giorgio Germont. „Es ist ein Gedankenprozess, der bei diesem Vater abläuft“, beschreibt Sutcliffe, „die späte Erkenntnis, dass die vermeintlich nur an Geld und Lust interessierte Hure für tiefe Gefühle und wahre Liebe steht, ist für ihn eine ungeheure Erfahrung.“
Die vom Wege Abgekommene, italienisch „La Traviata“, sucht ihren Weg – für Sutcliffe sucht sie den Sinn des Lebens. „Sie ist eine kluge Frau“, sagt der Regisseur, „sie reflektiert stark. Für mich ist sie die vielleicht dynamischste und interessanteste Heldin der Operngeschichte überhaupt. Auf der einen Seite steht Brunhilde – auf der anderen Violetta Valéry.“
Drei bis vier Tage sitzt Walter Sutcliffe am Beginn einer Produktion mit seinem Bühne-Kostüm-Team zusammen und sucht die grobe Richtung, den Kern der Geschichte. Mit dem Ensemble schließlich geht es an die Feinheiten. Er liest mit den Sängern das Libretto. „Jeder soll es erleben, wir suchen gemeinsam die Ziele“, erzählt er, „wir bauen ein Gerüst“.
Darauf und darin müssen sich seine Figuren selbst bewegen, Gefühle wie Bedrohung, Verführung, Wut oder Zweifel zum Ausdruck bringen können. „Ich muss das mit geschlossenen Augen erkennen“, sagt Sutcliffe. Und wenn nicht? „Dann sage ich das ganz klar und offen“, erklärt er seinen Arbeitsstil.
Singen und Spielen sind für ihn untrennbar verbunden, er freut sich über das „super Ensemble“ hier in Braunschweig. Ein besonders dickes Lob gibt es für den Chor. „Der Chor ist extrem gut“, sagt er, „da kann Braunschweig stolz sein.“ Auch die Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Alexander Joel sei „immer ein Vergnügen“, erzählt Sutcliffe.
Absolutes Meisterwerk
Der 1976 in London geborene Walter Sutcliffe studierte am Royal College of Music und an der Cambridge University unter anderem Geschichte und Fagott. Er spricht deutsch, französisch, versteht russisch und tschechisch („weil ich in diesen Ländern inszeniere“) und fließend italienisch. „Ich halte es für schwierig, La Traviata inszenieren zu wollen, ohne Noten lesen zu können und ohne die italienische Sprache zu beherrschen“. erklärt er. Jedes Wort, jeder Ton sei wichtig. „Diese Oper ist ein absolutes Meisterwerk, ihr Reichtum ist geradezu unerschöpflich“, sagt er.
Dieser Reichtum in der besonderen Lesart von Regisseur Walter Sutcliffe ist fast täglich bis zum 25. August auf dem Burgplatz zu hören und zu sehen – es gibt noch wenige Restkarten.

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