Die meisten Keime schaden nicht: Mehr Mut zum Schmutz | Neue Braunschweiger
22. Februar 2019
Bildung

Die meisten Keime schaden nicht: Mehr Mut zum Schmutz

Braunschweigerin schreibt Sachbuch über Mikroben im Haushalt

Hygiene ist gut, aber man sollte es nicht übertreiben: Autorin Susanne Thiele in ihrer Küche. Foto: Isabel Kobus

Braunschweig. Wir alle haben eine Menge unsichtbarer Mitbewohner, die wir meist nur wahrnehmen, wenn sie Ärger machen: die Mikroben, zu denen auch Viren und Bakterien zählen.

Die Braunschweiger Biologin Susanne Thiele hat ein Buch darüber geschrieben, wie man im Haushalt am besten mit ihnen umgeht. „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke“, lautet der Titel. Durchaus sinnvoll, denn: „Türklinken sind dreckiger als Toiletten“, sagt Susanne Thiele.

Die meisten Mikroben sind harmlos

In ihrem Buch geht es aber keineswegs nur um Dreck. Die meisten Mikroben, die in Teppichen, auf Möbeln oder in Zahnbürsten sitzen, sind nämlich harmlos. Und sie wollen gepflegt werden – damit an ihre Stelle nicht krankmachende Erreger treten.
„Es soll kein Lehrbuch sein, sondern spannende Geschichten und Wissensvermittlung in einem“, sagt Susanne Thiele. Und jede Menge Tipps sind auch dabei – zum Beispiel, dass antibakterielle Putzmittel eher schaden, es hingegen wichtig ist, beim Spülen den Klodeckel zu schließen oder die Dusche eine Weile laufen zu lassen, wenn man aus dem Urlaub zurückkommt.

Ausgezeichneter Wissenschaftsblog

Mit Mikroben befasst sich Susanne Thiele nicht nur beruflich – als Pressesprecherin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung – sondern auch in ihrem Blog „Mikrobenzirkus“, der als „Wissenschaftsblog 2018“ ausgezeichnet wurde. An ihrem Buch hat sie etwa ein Jahr lang
gearbeitet – auf intensive wissenschaftliche Recherchen folgte die Phase des Schreibens, der sie sich hauptsächlich in Ruhe in ihrem Gartenhäuschen gewidmet hat. „Mein Mann meinte schon, ich solle lieber mal den Kühlschrank putzen, statt darüber zu schreiben“, sagt sie lachend.
Kapitel für Kapitel nimmt Susanne Thiele die Leser mit auf eine Expeditionstour durch die einzelnen Räume einer Wohnung und deren ganz individuelle Mikrobenbesiedlung – bis hin zur Handtasche. „Die meisten Keime schaden nicht“, ist ihr Fazit, daher fordert sie „etwas mehr Mut zum Schmutz.“

Susanne Thiele, „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke. Wie Mikroben unseren Alltag bestimmen“, Heyne Paperback, 12,99 Euro

Zuviel Hygiene ist schädlich

Wer Kinder hat, alte oder kranke Menschen pflegt, müsse natürlich mehr aufpassen. Aber zu viel Hygiene sei im Allgemeinen schädlich. Nicht nur wegen der Gefahr, dass resistente Bakterien an Stelle der harmlosen Mikroben treten: „Der Preis für zu viel Reinlichkeit ist auch die hohe Allergierate“, sagt Thiele, „das Immunsystem muss trainieren, und wenn die Vielfalt der Mikroben geringer wird, arbeitet es im Überschuss und attackiert zum Beispiel harmlose Pollen.“
Diese Vielfalt ist übrigens noch lange nicht vollständig erforscht, und so liegt Susanne Thieles Buch voll im Trend: „Das ist noch ein großes Forschungsfeld“, sagt sie. So könne zum Beispiel auch die Gerichtsmedizin von der Mikrobenforschung profitieren, denn jeder Mensch hinterlässt in Räumen seinen individuellen „Mikrobenabdruck.“ Und selbst auf die Architektur könnten sich neue Erkenntnisse auswirken: „Vielleicht gibt es eines Tages sogar gesündere und mikrobenfreundlichere Häuser“, sagt Susanne Thiele.

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