„Du bekommst Liebe zurück“ | Neue Braunschweiger
13. Mai 2020
Menschen

„Du bekommst Liebe zurück“

Ulrich Zerreßen ist „berufen für die Pflege“ und wirbt mit Leidenschaft um Nachwuchs

Um den Senioren den Alltag ein bisschen zu versüßen, werden kleine Aufmerksamkeiten wie Zeitungen oder Süßigkeiten verteilt. Dies übernimmt Mitarbeiterin Sabrina (rechts) aus dem Café Parkblick. Die Dame links im Bild heißt Ulrike Binder und gehört zum Team der Zusatzbetreuung. Fotos (2): Bernhard Janitschke

Braunschweig. „Eine Unverschämtheit“, schimpft Ulrich Zerreßen, „und das können Sie ruhig so schreiben.“ Der Geschäftsführer des Senioren- und Pflegezentrums Bethanien und des neuen Hauses St. Vinzenz ist auf der Palme, wenn das Gespräch auf „seine“ Helden kommt. „Die Pflegerinnen und Pfleger werden jetzt beklatscht , aber wenn es ernst wird, werden sie wieder abgespeist“, schimpft er.

Konkret ist er auf die Politik sauer. „Vollmundig wurden jedem, der in der Pflege arbeitet, 1500 Euro versprochen“, sagt Zerreßen, „und jetzt sind es noch 1000 Euro, den Rest sollen die Träger zahlen.“

Solch ein Verhalten zeige das Grundproblem des Pflegeberufes – die mangelnde Wertschätzung. „Der Personalmangel in unserer Branche ist ja nicht neu“, erklärt Zerreßen, „ich mache den Job seit über 20 Jahren, und wir haben immer noch dieselbe Problemlage: hohe Anforderung, niedrige Anerkennung, und meistens mäßige Bezahlung.“

Seine Bereiche gehören zur Evangelischen Stiftung Neuerkerode. „Bei uns wird nach Tarif bezahlt“, betont er, „das heißt, in Vollzeit mit allen Zuschlägen kommt eine Pflegekraft auf rund 3000 Euro brutto. Immerhin.“ Das ist mehr als Pflegerinnen und Pfleger ohne Tarif bekommen. „Aber wenn man sich die Arbeit anschaut, ist es im Grunde nicht genug“, ist Zerreßen überzeugt.
Der Pflegedienstchef setzt auf digitale Hilfe, wo immer sie möglich ist. „Aber das Wesen der Arbeit ist der direkte Kontakt von Mensch zu Mensch.“ Und der ist nicht immer einfach. Die Heimbewohner sind in der Regel alt, viele krank, an manchen Tagen klagen sie über Schmerzen oder Einsamkeit, sind auch mal schlecht gelaunt oder stur. „Als Pflegekraft erwartet dich in jedem Zimmer, in jedem Gespräch ein anderer Mensch in einer anderen Situation. Darauf müssen die Mitarbeiter eingehen und damit umgehen“, erklärt Zerreßen.

Dazu komme der körperliche Einsatz. Umdrehen, helfen beim Aufstehen oder beim Waschen. „Viele Pflegerinnen und Pfleger haben Rückproblemen, nicht wenige müssen frühzeitig in den Ruhestand.“ Und dennoch: Zerreßen wirbt voller Leidenschaft für den Pflegeberuf. „Ich habe keinen Beruf, ich bin berufen“, sagt er dazu, „meine Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen so gut es geht zu verbessern.“

Ulrich Zerreßen

Dafür ist er nah an seinen Mitarbeitern und an den Bewohnern. „Ich esse zu Mittag mit den Bewohnern am Tisch, wir trinken gemeinsam Kaffee, ich habe meine Augen und Ohren möglichst überall.“

Ein Bewohner vermisst Gurke und Tomate auf dem Abendbrot, Zerreßen geht mal kurz in die Küche, beim Rundgang durchs Haus sieht er Spinnweben oder Flecken an der Wand, ein Hinweis an den Hausmeister, und es wird nachgebessert.
„Eine schöne, gepflegte Umgebung ist für uns alle wichtig“, betont er. Auch das hat mit Anerkennung und Respekt zu tun. „Wenn ich am Gehalt schon nicht drehen kann, dann aber an den Arbeitsbedingungen und der Atmosphäre“, ist er überzeugt.
Die Coronakrise hat das Leben im Heim noch einmal verändert. Zerreßen erlebt die Bewohner dabei eher gelassen. „Ich höre, dass die meisten froh sind, dass sie hier geschützt und umsorgt sind“, sagt er, „die Probleme mit der Kontaktsperre haben eher die Angehörigen.“

Zerreßen und sein Team lassen sich jeden Tag etwas einfallen, um das Leben im Heim aufzuheitern. „Mal gibt es ein Eis für jeden, mal eine Zeitschrift oder Musik aus dem Garten“, erzählt er.

Wegen Corona musste auch die offizielle Eröffnung von St. Vinzenz ins Wasser fallen. Die Evangelische Stiftung Neuerkerode hat das ehemalige Krankenhaus an der Bismarckstraße übernommen und zu einem Pflegeheim umgebaut. Seit April wird es nach und nach bezogen, auch der Theresienhof in Goslar gehört zu Zerreßens „Reich“.

An allen Standorten werden neue Mitarbeiter sehnlichst erwartet. „Ich kann diesen Beruf trotz aller Belastungen aus Überzeugung empfehlen“, wirbt Zerreßen für die Pflege, „wenn du ein Teil Liebe gibst, bekommst du das Zehnfache zurück. Wo gibt es das sonst?“

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