„Du musst immer nach vorne sehen“ | Neue Braunschweiger
17. Mai 2020
Menschen

„Du musst immer nach vorne sehen“

Raeid Rahma floh vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland – und biss sich erfolgreich durch

Raeid Rahma vor seinem Blumengeschäft in der Stephanstraße. Foto: Birgit Wiefel

Braunschweig. Raeid Rahma liebt Blumen. „Schauen Sie mal“, zieht er vorsichtig ein süßduftendes Exemplar aus der Vase. „Viele sagen einfach Lilie dazu. Aber ihr richtiger Name lautet C-a-s-a B-l-a-n-c-a“, gibt er einen Beweis für sein Wissen. Seit Januar hat der Syrer ein eigenes Blumengeschäft in der Stephanstraße.
Ja, seufzt er, Corona habe auch ihn hart getroffen. Der totale Lockdown im März so kurz nach der Eröffnung, „das war schon schlimm“. Doch im Vergleich zu dem, was Raeid schon erlebt hat, ist die Pandemie vermutlich eher harmlos.

Hätte ihm jemand vor fünf Jahren gesagt, dass er einmal ein eigenes Geschäft in Deutschland haben würde – Raeid hätte vermutlich nur müde gelächelt. Für den heute 32-Jährigen ging es damals nicht darum, Karriere zu machen. Es ging ums nackte Überleben.

2015 flüchtete der Syrer mit Tausenden anderen Landsleuten vor dem Krieg. Obwohl seine Heimatstadt Damaskus lange Zeit von den Kämpfen verschont blieb, war die Angst allgegenwärtig. „Vielleicht sehen wir uns heute Abend wieder, vielleicht auch nicht“, pflegte sich Raeid morgens von seiner Frau zu verabschieden. Ein Alltag im Ausnahmezustand. Nervenzermürbend. Kaum zu ertragen. Schon 2012, ein Jahr nach Kriegsausbruch, musste Raeid sein gut gehendes Blumengeschäft schließen. Danach schlug er sich als Zwischenhändler für Lebensmittel und Haushaltswaren durch. „Ich musste eine Frau und zwei Kinder ernähren, dazu die Eltern und Geschwister unterstützen“, zuckt Raeid mit den Schultern. Die Flucht nach Europa – sie war auch verbunden mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die ließ allerdings erst einmal auf sich warten. Nach der Ankunft in Deutschland begann für Raeid eine Odyssee durch acht Städte und zahllose Auffang-Camps. „Frankfurt, Kassel, Bochum, Dortmund, Gronau“, zählt Raeid die Stationen auf, für die die Finger einer Hand längst nicht reichen. Am Ende kam er in Wolfenbüttel und lebt seither in der Region.

Dass Deutschland sein Wunschland war, stand für ihn schnell fest. „Hier lebst du sicher, meine Frau und meine Töchter können als Musliminnen unbehelligt auf die Straße gehen und ich war überzeugt: Ich kann es hier schaffen“, nennt er für ihn wichtige Gründe. Und Raeid schaffte es. Er lernte Deutsch, ackerte ohne mit der Wimper zu zucken unter Druck und in anstrengenden Nachtschichten bei einem Presse-Großhändler und konnte schließlich zu dem Beruf zurückkehren, den er so sehr liebt: Florist. „Kunden – egal in welchem Land – sind gar nicht so unterschiedlich. Sie wollen Beratung und Qualität“, weiß der Geschäftsmann. Sein Laden läuft, und dass die deutschen Kunden Blumen lieben und gerade nach einem langen, dunklen Winter Farben und Düfte brauchen, hat er sofort verstanden.

Welchen Rat kann er Menschen geben, die nach Deutschland kommen? „Nicht zurückblicken“, sagt Raeid sofort. Immerzu darüber nachzudenken, was in der Heimat aufgegeben wurde, was man verloren habe, zermürbt auf Dauer und blockiert. „Du musst immer nach vorne sehen, versuchen, die fremde Mentalität zu verstehen“, nennt er sein Rezept, mit dem er gut fährt.

Sein ehemaliger Laden in Damaskus. Foto: privat

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