„Durchbeißen, dranbleiben, zu Ende machen“ | Neue Braunschweiger
29. September 2020
Menschen

„Durchbeißen, dranbleiben, zu Ende machen“

NB-Redaktionsleiterin Ingeborg Obi-Preuß Im Gespräch mit Peter Lehna, Geschäftsführer der Brauerei Wolters

Immer wieder etwas Neues: Zuletzt hatten die Coronapandemie und in der Folge sinkende Absätze die Traditionsbrauerei und Peter Lehna vor Herausforderungen gestellt. Foto: oh

Ganz am Ende unserer Unterhaltung ruft Peter Lehna mit dem Handy eine Mitarbeiterin an – wir brauchen noch ein Foto. Isabell Otto, Assistentin der Geschäftsleitung Bereich Personal, kommt in den spätsommerlichen „Kulturgarten“ der Brauerei Wolters und übernimmt den Fotografenjob.

Und während ich noch überlege, ob der nette Mann mir gegenüber tatsächlich so nett ist, wie er sich hier gibt, erzählt mir Isabell Otto aus ihrer 30-jährigen Zusammenarbeit mit ihrem Chef Peter Lehna. Am Ende steht er auf einem Sockel. „Herr Lehna hat immer ein Ohr für uns Angestellte, er sucht eine Lösung für uns, er ist einfach da“, schwärmt sie spontan.

Wer ist dieser Mann? Auf jeden Fall einer, der sich nicht für seine einfache Herkunft schämt. Im Gegenteil, Peter Lehna hat das Beste daraus gemacht und das Beste daraus mitgenommen: Anpacken, Durchhalten, Zu-Ende-Bringen. „Mein Vater war Pförtner in einer Fabrik“, erzählt er von seiner Kindheit in Lüdenscheid, „er hat mir früh gesagt: Ich werde dir kein Geld vererben können, aber für deine Bildung lege ich mich gern krumm. Mach was aus dir.“ Nach der Mittleren Reife kam ein Punkt, wo Lehna fast abgebogen wäre. „Meine Freunde waren in der Lehre, fuhren Mopeds, ich hatte nur ein Rad.“ Doch bevor er die Schule verlassen konnte, sorgte Papa für einen Ferienjob in „seiner“ Fabrik. „Danach war ich geheilt“, weiß Lehna noch gut. Erleichternd für die Entscheidung, weiter zur Schule zu gehen, kam sein offensichtliches Talent hinzu, Lehna machte ein gutes Abitur, das anschließende Studium – BWL des Handels, Marketing- und Kommunikationswissenschaft – absolvierte er in Rekordzeit und mit Auszeichnung. Als Hiwi an der Uni konnte er die Studentenzeit mitfinanzieren: „Ich wollte meinen Eltern so wenig wie möglich auf der Tasche liegen.“

 

Peter Lehna, Chef der Brauerei Wolters, und NB-Redaktionsleiterin Ingeborg Obi-Preuß im Kulturgarten der Brauerei. Foto: Ingeborg Obi-Preuß

Direkt zum Examen flatterte ein Schreiben der Holstenbrauerei ins Haus. Ein Jobangebot aus Hamburg. Auch Henkel aus Düsseldorf fragte an. „Aber Hamburg hat mich mehr fasziniert“, sagt Lehna. Also Produktmanager in Hamburg, zuständig auch für Feldschlößchen in Braunschweig. Das war 1977, seitdem ist Peter Lehna Braunschweiger. Mal mehr, mal weniger. Meistens mehr. Nach sieben Jahren machte Peter Lehna bei Holsten Schluss. „Ich wollte weiterkommen, aber mein Vorgesetzter war ungefähr in meinem Alter, da war also in absehbarer Zeit nicht an Aufstieg zu denken.“

Die nächsten Stationen waren eine Spirituosenfabrik („aber Schnaps war nie mein Ding“) die Herrenhäuser Brauerei in Hannover und dann das Einbecker Brauhaus. Hier brachen mit Lehna ganz neue Zeiten an: Er legte einen Schwerpunkt auf alkoholfreies Bier, konnte passend dazu die legendäre Niedersachsenrundfahrt als Hauptsponsor an die Brauerei binden. Regelmäßig war er auf fast jedem Schützenfest und seine Verbindung zum Karneval war schon immer eng. Das Angebot der Gilde-Gruppe, zu der auch „Nesthäkchen“ Wolters in Braunschweig und Hasseröder in Wernigerode gehörte, kam dem jungen Mann 1988 gerade recht, um weiter auf der Karriereleiter hochzuklettern. Lehna wurde Marketingleiter und Pressesprecher. Es lief.
Dann ein rüdes Aus: Die Interbrew übernahm 2004 die Gilde-Gruppe und brachte ihre eigenen Leute mit. „Sie passen nicht ins Konzept“ – hieß es knapp.
„Ich habe schmerzlich erfahren, was es heißt, in einem Alter auf dem Arbeitsmarkt zu suchen, bei dem eine fünf vor dem Komma steht“, erinnert sich Lehna genau. „Zu alt oder überqualifiziert“ hieß es in den Absagen. Schließlich heuerte er bei einem Dienstleister für Gebäudereinigung und Sicherheit an. „Es war für mich das Grauen“, erzählt Lehna von dunklen Zeiten. Ein Anruf von seinem ebenfalls gefeuerten Kollegen Peter de Wall brachte seinem Leben eine neue Wendung: „Hast du nicht Lust, die Brauerei mit zu übernehmen?“, fragte der Mann am Telefon. „Ich dachte, der hat Fieber“, erinnert sich Lehna laut lachend. Aber nein, der Plan war ernst gemeint – und ging schließlich auf. „Uns war klar, dass wir ohne die Unterstützung der Stadt das nicht schaffen können“, erzählt Lehna. Also haben die zukünftigen Brauereibesitzer Argumente gesammelt, mit denen sie schließlich ins Rathaus zogen. „Wir erzählten von Wolters als ältestem Industrieunternehmen der Stadt, wir malten bürgerkriegsähnliche Zustände aus, wenn diese Brauerei geschlossen würde und wir versprachen, mindestens 75 Prozent der Arbeitsplätze zu erhalten“, fasst Lehna die Strategie zusammen.

Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann und der damalige Wirtschaftsdezernent Joachim Roth bissen an. Und schlugen ein.
„Die Stadt baute sehr geschickt Druck gegenüber Interbrew auf“, blickt Lehna auf die entscheidenden Tage zurück. Sie sprachen von Denkmalschutz und Wegerechten, von Verpflichtung zum Erhalt der Gebäude, von möglichen hohen Kosten. Das hat gewirkt wie geplant. Abschreckend. Interbrew hat verkauft. Die Stadt übernahm das Grundstück an der Wolfenbütteler Straße für drei Millionen Euro, die Braunschweigische Landessparkasse (BLSK) stieg als Finanzpartner ein, die drei neuen Geschäftsführer nahmen ein Darlehen auf und zahlten monatlich bei Interbrew für die Markenrechte. „Wenn wir einen Monat nicht hätten zahlen können, wäre Wolters vom Markt genommen worden“, erzählt Lehna von Zeiten auf dünnem Eis.

Es ging gut. Es ging bergauf. „Der Export konnte auf- und ausgebaut werden, Märkte in China, Afrika und der arabischen Welt wurden erschlossen. „2006 waren wir in der Lage, 30 Millionen Euro in Technik und Gebäude zu investieren“, weiß Lehna noch genau.
Dann kamen Probleme: 2016 legte Ebola den Export nach Afrika lahm, gleichzeitig ging eine Flaschenabfüllanlage kaputt, 500 000 Euro Schaden, die Garantie war gerade abgelaufen. Dazu Absatzverluste. „Die BLSK sah uns als Sanierungsfall, ein vorgelegtes Konzept konnte sie nicht überzeugen, beziehungsweise waren die Bedingungen für uns nicht annehmbar“, erzählt Lehna vom Ende der Zusammenarbeit.

Christian Hillmers und Peter Lehna mit dem Flaschen-Handtuch. Für neue Ideen ist der Brauereichef immer zu haben. Foto: Konrad

Und dann noch Corona. Erst brach der chinesische Markt weg, dann der Lockdown. Wolters stand mal wieder mit dem Rücken zur Wand. Doch Peter Lehna wäre nicht Peter Lehna, wenn er nicht neue Wege suchen würde. Er hatte schon länger seine Fühler nach einem neuen finanzstarken Partner ausgestreckt ­– und traf sich mit Jürgen Brinkmann. Der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Brawo und der Wolters-chef verstanden sich auf Anhieb, sind aus einem ähnlichen Holz.
Und – Profis. Das bedeutet, dass die Voba nicht die Katze im Sack kaufen wollte. „Unser Unternehmen wurde auf Herz und Nieren geprüft“, berichtet Lehna, „Jürgen Brinkmann kam sogar persönlich, um sich ein eigenes Bild zu machen, er hat sich sprichwörtlich unter jede Maschine gelegt.“ Dann war der Deal perfekt: Eine neue Partnerschaft.

Der damit verbundene Grundstücksverkauf hatte bei der Stadt zwischenzeitlich für Ärger gesorgt. Aber Peter Lehna erklärt den Ablauf: „Wir haben 2006 die Zusage der Stadt Braunschweig erhalten, am Tag X das Grundstück zurückkaufen zu können. Und was jetzt immer missverstanden wird: Wir haben der Brawo nicht nur das Grundstück weiterverkauft, sondern auch die Gebäude darauf. In die haben wir seit 2006 sechs Millionen Euro investiert. In die Technik der Brauerei seitdem 30 Millionen Euro. Also kann man sich denken, dass wir natürlich mehr dafür bekommen haben als die drei Millionen Euro, für die wir das Grundstück der Stadt wieder abgekauft haben. Wir haben also nichts verscherbelt.“ Jetzt also geht es mal wieder in eine neue Zukunft. Gewaltige Investitionen sind geplant: „Eine neue Flaschenabfüllanlage, sie wird viel effizienter sein. Sie ersetzt aber keine Arbeitsplätze. Außerdem schaffen wir eine Entalkoholisierungsanlage an – bisher entalkoholisiert ein Wettbewerber unsere Produkte“, erklärt Lehna die nächsten entscheidenden Schritte. Und: Die beiden Partner planen einen ‚Wolters Hof‘, ein attraktives Veranstaltungszentrum soll es werden. Seminare, Tagungen, private Feste sollen möglich sein, das Braustübchen zu neuem Leben erweckt werden.
Und dass das Außengelände ein idealer Veranstaltungsort ist, hat der gerade zu Ende gegangenen Kulturgarten überzeugend bewiesen.

Noch viel Arbeit, große Pläne. Was ist mit Ruhestand? „Zwei, drei Jahre will ich mindestens noch“, sagt Lehna. Kraft tankt der Brauereichef an den Wochenenden, zum Beispiel bei der Arbeit im Garten oder bei einem Ausflug auf dem Motorrad. Ach ja, täglich mindestens eine Stunde auf dem Heimtrainer gehören auch zum Standardprogramm („dazu hat mich mein Arzt verdonnert“). Aber Braunschweig wird ihn nicht loswerden. „Wenn ich irgendwann tatsächlich in der Brauerei aufhöre, engagiere ich mich ganz sicher irgendwo im Ehrenamt“, sagt er. Golfspielen oder Kreuzfahrten jedenfalls gehören nicht in seine Rentenplanung.
Ein Tipp noch für den Nachwuchs? „Durchbeißen, dranbleiben, zu Ende mac

hen“, sagt er, „man kann immer wechseln, aber eine abgebrochene Ausbildung oder ein abgebrochenes Studium sind verlorene Zeit.“

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