Ein besonderer Wanderführer

Kolumne von Andreas Döring - Folge 1

Andreas Döring

Das war in der Thorenburger Schlucht in Rumänien. Schon an der Größe des Parkplatzes kann man leicht erkennen, dass sie in sämtlichen gängigen Reiseführern als must see aufgeführt ist. Meine Freundin und ich waren schon auf der Rückreise, hatten durchweg wundervolle, interessante Menschen kennengelernt. Schon am ersten Tag in Timisoara hatte uns die Frage nach einem preisgünstigen Hotel in die Arme einer Gruppe sehr engagierter junger Leute geführt, mit der wir bis spät in die Nacht aßen, tranken und diskutierten: sie gehörten zur örtlichen Schwulen- und Lesbenszene und hatten so ganz andere Geschichten aus Rumänien und Ungarn zu erzählen. Und in Sibiu, Hermannstadt, hatte sich der Küster der örtlichen deutschen Gemeinde rührend um uns gekümmert.

Überall in Siebenbürgen also wundervolle Begegnungen, aber diese hier, auf einer knapp zweistündigen Wanderung, bleibt wohl auf immer hängen, denn sie war irgendwie mystisch. Es war noch früh, noch nicht viel los am Ausgangspunkt: in der Nacht hatte es geregnet, der felsige Weg den Bach entlang drohte rutschig zu sein, die meisten warteten wohl, bis die Sonne alles wieder weggeputzt hatte. Wir waren gerade dabei, die Wanderschuhe anzuziehen, als eine Schäferhündin von was-weiß-ich-woher zielgerichtet auf unser Auto zu trottete und uns beide genau untersuchte, mich ganz besonders. Dann war sie weg, aber bald merkten wir, dass sie an dem etwas versteckten Abzweig zum Wanderweg geduldig wartete. Und fortan wich sie uns nicht von den Fersen, lief mal voran, mal hinterher, wartete vor den Hängebrücken über den Bach (es gibt viele) und schien uns beschützen zu wollen. Kein Betteln um Futter, als wir am Umkehrpunkt rasteten, stattdessen nahm sie ein kurzes Bad und schien sich des Lebens an diesem sanften Wiesengrund zu freuen, schnappte nach Schmetterlingen und tollte herum. Womöglich wollte sie genau das und hatte nur keine Lust, allein dorthin zu gelangen? Ich glaube bis heute etwas anderes: sie hatte meine Anspannung gespürt angesichts eines Wegs voller Hängebrücken und Sicherungsseilen. Ich war damals mitten in einer Therapie gegen Höhenangst. Und Hunde können solche Ängste untrüglich riechen. Danke, Cicerone!

Der Braunschweiger Autor, Erzähler und Journalist und Dr. Andreas Döring veröffentlicht an dieser Stelle ab jetzt zehn Kolumnen, die von seinen Reisen rund um die Welt erzählen. Wer Anregungen oder Fragen dazu hat, der Autor freut sich: „Andreas Döring“ dottoredoering@web.de

^