Ein ganz besonderer Wunsch für das neue Jahr | Neue Braunschweiger
3. Januar 2021
Gesundheit

Ein ganz besonderer Wunsch für das neue Jahr

Tanja Witte und Peter Heimböckel leben und kämpfen tapfer gegen gleich mehrere Gefahren, sie wünschen sich Solidarität und Rücksichtnahme

Rock your life ¬¬¬¬¬¬¬ꟷ es kommen auch wieder bessere Zeiten: Tanja Witte und Peter Heimböckel. Foto: privat

Braunschweig. Und dann noch Corona. Die Pandemie trifft alle hart, doch Menschen mit einer lebensbedrohlichen Krankheit stehen vor ganz besonderen Herausforderungen. Finanzplaner Peter Heimböckel erzählt von einem Leben im Ausnahmezustand.

Seine Frau Tanja erhielt im Juli die Diagnose Brustkrebs. Damit wurde das Paar vor wenigen Monaten von der Sonnenseite des Lebens innerhalb kürzester Zeit in die Mühlen von Operationen und Chemotherapie gebeamt. Und – fast noch schlimmer – in die Corona-Risikogruppe.

Diagnose Brustkrebs

Die Krankheit kam für die 47-jährige Tanja völlig aus dem Off. Sie hat selber getastet, dass etwas nicht in Ordnung ist. Die Bestätigung kam wenige Tage nach dem Besuch bei ihrer Frauenärztin. „Es traf uns wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel“, erinnert sich Peter Heimböckel genau.

Dann folgte ein fast automatisch wirkender Ablauf. Ausführliche Gespräche,  Fragen über Fragen an die Ärztin, schließlich die Überweisung in die Klinik. Erste Operation. „Brusterhaltend“ sagt der Ehemann, „das macht es für uns etwas leichter.“ Denn die körperlichen Zeichen und Symptome sind so schon stark genug. „Tanja hat viel abgenommen, fühlt sich hässlich mit der Narbe auf dem dünnen Körper“, erzählt der Ehemann leise, „ich kann ihr hundertmal sagen, wie schön sie ist für mich.“

Jetzt steckt Tanja mitten in der Chemotherapie. „Oder besser: Wir stecken mitten in der Chemotherapie“, sagt Heimböckel.

Durch Corona ist alles noch schlimmer als „normal“. „Wenn Tanja an dem Virus erkrankt, ist sie tot“, sagt der Ehemann deutlich. Das heißt, er tut alles, um jeden Kontakt, und damit eine mögliche Ansteckung, zu vermeiden.“

„Als die Haare anfingen auszufallen, war für mich klar, Friseur kommt nicht in Frage, zu gefährlich.“ Also hat er seine Frau auf den Badewannenrand gesetzt und ihr die Haare erst kurz  geschnitten und dann den Kopf rasiert. „Wir haben beide geweint“, sagt er mit stockender Stimme.

Kampf gegen Coronagefahr

Und so bestimmt nicht nur die Diagnose Krebs das Leben von Tanja und Peter, sondern auch der Kampf gegen die Coronagefahr. „Ich verstehe, dass Menschen, die nicht so betroffen sind, genervt reagieren, wenn ich im Supermarkt um mehr Abstand bitte“, erklärt Heimböckel, „die mich mit meiner FFP-3-Maske, Handschuhen und Visier komisch und kopfschüttelnd betrachten.“

Dann sagt er: „Wissen Sie, meine liebe Frau befindet sich in einer Chemotherapie und ich muss besonders auf sie achten, denn ich möchte sie nicht verlieren, ok?“

Das wirke häufig Wunder, hat Heimböckel erfahren. „Die meisten Menschen haben gar keine Vorstellung davon, was Risikogruppe überhaupt bedeutet“, sagt Heimböckel. „Allein 70 000 Frauen im Jahr bekommen die Diagnose Brustkrebs“, erklärt er, „dazu kommen zig tausende anderer Diagnosen, Kinder mit Immunschwächen,  chronisch Kranke, die Liste lässt sich endlos fortführen. Rund 40 Prozent der Bevölkerung gehören zur Risikogruppe, das sind Millionen.“ Und all diese Menschen haben Angehörige oder Freunde, die für sie einkaufen, sie pflegen und die ständig mit der Angst leben, das Coronavirus mit nach Hause zu bringen.

Völlige Isolation

Also völlige Isolation. Niemand darf zu Besuch kommen, selbst mit Peter Heimböckels Sohn aus erster Ehe gibt es zurzeit nur Telefonkontakt. „Mindestens 50 mal am Tag die Hände waschen, regelmäßig alle Türklinken desinfizieren, alles, was in die Wohnung kommt ­– jedes Lebensmittel aus dem Supermarkt, jedes Paket von der Post, jedes Geschenk von Freunden ­– wird mit Desinfektionslösung eingesprüht und abgewischt“, gibt Heimböckel Einblick in einen Alltag, der von Disziplin und Kontrolle geprägt ist.

Die gute Nachricht: Fast 90 Prozent aller Frauen mit Brustkrebs überleben. Tanja hat eine gute Prognose. Wenn bis dahin nichts dazu kommt. Heißt vor allem: Keine Ansteckung mit Corona.

Schutzkleidung für Arztpraxen

„Wir haben eine Facebookseite eingerichtet, weil wir anderen Menschen in ähnlichen Situationen Mut machen wollen“, sagt Peter Heimböckel. Die beiden werben für Solidarität, besonders in dieser schwierigen Zeit. Und sie werben auch dafür, unbedingt alle Vorsorgeuntersuchungen machen zu lassen („auch und besonders die, die selbst bezahlt werden müssen“). Und sie wollen die Menschen sensibilisieren, die Schutzmaßnahmen rund um das Coronavirus einzuhalten.

Weitergehende Forderungen richten sich an die Politik, die Menschen, die in den „dienenden Bereichen“ arbeiten, mit Schutzkleidung zu versorgen und angemessen zu bezahlen. „Klatschen vom Balkon reicht nicht“, sagt Peter Heimböckel. „Ich nehme meiner Frau selbst Blut ab und bringe es ins Labor, weil ich in den Praxen erlebe, dass die Hygienestandards nicht immer eingehalten werden können, dass zum Teil nicht genügend vernünftige Masken, Visiere und Schutzausrüstung zur Verfügung stehen“, sagt Heimböckel – eher enttäuscht als wütend.

Solidarität mit jedem Menschen

Sein Wunsch für das neue Jahr: „Das Gebot der Stunde ist nicht nur Menschlichkeit, sondern Solidarität mit jedem Menschen, den dieses Virus gefährden kann. Mit dem Gedanken eines kategorischen Imperativs `Was du nicht tust, was man dir tut, das füge auch keinem anderen zu´, dürfte es doch eigentlich einfach sein, zu leben und leben zu lassen. Das wünschen wir uns für uns alle.“

 

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