Ein Hirte mit Ecken und Kanten | Neue Braunschweiger
28. Juni 2014
Menschen

Ein Hirte mit Ecken und Kanten

Heute verabschiedet sich Domprediger Joachim Hempel in den Ruhestand.

Hoher Besuch gehörte zum Tagesgeschäft: Domprediger Joachim Hempel, hier mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Fotos: Thomas Ammerpohl

Von Ingeborg Obi-Preuß, 29.06.2014.

Braunschweig. „Ich gebe meine Ämter ab und mache nichts“, sagt Domprediger Joachim Hempel zu seinen Ruhestands-Plänen, „und dann schaue ich, was das mit mir macht.“ Heute verabschiedet er sich im Dom mit einem Gottesdienst. Wie immer bei der Arbeit –– wie auch sonst?

„Wenn ein Tsunami die Welt erschüttert, können Sie Ihre vorbereitete Predigt über das Lied ‚Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘ vergessen – dann sind andere Themen gefragt, und zwar sofort“, erzählt Joachim Hempel ein Beispiel für die Wechselfälle des Lebens, die den Alltag eines Dompredigers auf den Kopf stellen. Herausforderungen, die er wuppen muss: Schnell reagieren, umschalten – bereit sein für das Leben in seinen Facetten.
Das macht ihn aus. Er kann die große Bühne – Bundespräsidenten, Botschafter, Minister und Könige pflastern geradezu seinen Weg – „aber ich bin immer auch ein Gemeindepfarrer geblieben“, sagt er. Darauf legt er Wert. „Ich bin mir für nichts zu schade“, fügt er an und erzählt von Stunden an Krankenbetten, von Gesprächen mit Sterbenden, von gemeinsamem Schweigen.
„Ich kenne keine Menschenscheu und ich bin sehr an Biografien interessiert“, beschreibt Hempel seine Besonderheiten als Pfarrer. Das spüren die Menschen. „Kann ich Sie noch mal kurz sprechen?“, nach fast jedem Gottesdienst zupft ihn irgendjemand am Arm, braucht Rat, Tat, Hilfe, oder einfach ein offenes Ohr und ein offenes Herz. Und für jeden ist gerade ein anderes Thema wichtig.
Schon als junger Pfarrer in den 70ern in Riddagshausen und Gliesmarode hat er diesen Spagat gelernt. „Auf der einen Seite Stadt- und Landadel, auf der anderen Seite die Arbeiter, die die Rüben verziehen“, macht er die Spannweite deutlich, über die er mit seiner Arbeit reichen muss.
Die nötige Distanz, um den Job wirklich gut machen zu können, musste Joachim Hempel lernen. Und so ganz hingekriegt hat er das nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Sein Terminkalender ist zum Bersten voll, der Mann ist überbucht. Spätestens der Herzinfarkt vor drei Jahren hat ihn ein wenig gebremst. Er läuft täglich, achtet mehr auf sich, versucht, die Balance zu halten.
Mit einer nahezu preußischen Disziplin. So ist beispielsweise in 45 Jahren nie eine Fünf-Minuten-Andacht im Dom ausgefallen. Das ist nicht nur Hempels Verdienst – aber auch.
Seine Mitarbeiter müssen zwangsläufig so ähnlich ticken wie er, sonst wird es schwierig. Denn der Gottesmann kann auch ungnädig sein. Er hofft auf eine gewisse „Altersgütigkeit“. Die anderen vermutlich auch.
Joachim Hempel setzt auf sein Team. „Es kann niemanden in der zweiten Reihe geben“, erklärt er, „unter Theologen funktioniert Hierarchie nicht.“ Seine beiden Kollegen sind ihm zwar faktisch unterstellt, „aber wir arbeiten auf der berühmten Augenhöhe“, beschreibt Hempel.
Schließlich muss jeder auch allein die Verantwortung für seine Auftritte und Predigten tragen, „auf der Kanzel sind wir immer live“, macht Hempel die besondere Aufgabe deutlich.
Im Rückblick hat er vieles richtig gemacht. „Es bedarf einer inneren Einstellung, dann bietet dieser Beruf unendliche Möglichkeiten“, sagt er. Viele davon hat Joachim Hempel genutzt. Zum Beispiel seine Zeit in Äthiopien, wo er Anfang der 70er Jahre ein Jahr lang gemeinsam mit seiner Frau Gisela lebte und arbeitete. Diese Erfahrungen als junger Vikar haben ihn nachhaltig geprägt: Seine Liebe zu Afrika, das Interesse an fremden Kulturen, der Respekt vor anderen Religionen prägen seine Arbeit.
Die Domreisen mit Joachim Hempel sind fast legendär, wer einmal mit war, schwärmt von spannenden Geschichten, in die Hempel sein schier unglaubliches Wissen verpackt, an Begegnungen, die nur durch ihn und seine seit Jahren gepflegten Freundschaften überhaupt zustande kommen. Wer einmal mit ihm unterwegs war, weiß: Joachim Hempel stehen alle Türen offen.
Allerdings wissen die Mitfahrer auch, dass sie besser gut vorbereitet, morgens pünktlich und vor allem mit dem richtigen Schuhwerk antreten sollten. Sonst gibt es auch mal klare Ansagen.
Dafür steht Joachim Hempel ohnehin. Er mischt sich ein, gern auch ungefragt, ein Hirte mit Ecken und Kanten. Neben mahnenden Worten gibt es bei ihm auch kluge Ratschläge. Um einem „Auseinanderdriften der Gesellschaft“ entgegenzuwirken, sei die Kirche die stärkste mögliche Klammer. „Wenn die Kirche wegbricht, was kommt stattdessen, was fängt auf?“, fragt er. Kirche betreibe Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, die Diakonie – „wenn wir diese Saite nicht mehr bespielen, wer dann?“, verweist er auf die gesamtgesellschaftlichen Aufgaben, die Kirche erfülle. Und nennt als Beispiel die Domsingschule: Wöchentlich würden hier rund 850 Kinder und Jugendliche musikalisch gefördert und ausgebildet, zum Teil auch sozial betreut.
„In meinen mehr als 20 Jahren hier am Dom haben wir noch nie eine Einladung von der Stadt in die Dornse erhalten, um den Hauptakteuren dieser Arbeit einmal zu danken.“ Die großen gesellschaftlichen Aufgaben, die Kirche trage, würden zu wenig wertgeschätzt.
Kirche leiste sehr viel Arbeit, von der die gesamte Stadt und die Region profitiere. Die aber ausschließlich von denen finanziert würde, die Kirchensteuer bezahlten. Es sei auch ungerecht, dass beispielsweise der Unterhalt des Doms aus Kirchensteuern finanziert werden muss. „Eine Kulturabgabe wäre eine gerechtere Lösung“, schlägt Hempel vor.
Er wünscht dazu eine breite gesellschaftliche Debatte. Schon lange ist er mit diesen Themen unterwegs. Vermutlich werden sie ihn in den Ruhestand begleiten. Zunächst legt er ja alle Ämter nieder – aber Joachim Hempel wird nicht schweigen. Das passt nicht zu ihm. Für seine Sache – die Sache der Menschen – wird er aktiv bleiben. Wir werden von ihm hören.

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